Philadelphia/Boston (dpa) - Der Boss brüllte ins Mikrofon, dann ging die Eishockey-Party los. Chicago schlürft aus dem Stanley Cup. Die Blackhawks sind erstmals seit 1961 wieder Meister der Nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL.

Patrick Kane erzielte in der fünften Minute der Verlängerung den Treffer zum 4:3-Sieg bei den Philadelphia Flyers. Chicago setzte sich in der Finalserie «best of seven» mit 4:2 durch - und startete gleich nach dem Schlusspfiff die Meister-Sause. «Jonathan Toews, komm und hiev den Cup», schrie NHL-Commissioner Gary Bettman ins Mikrofon - und Chicagos Kapitän ließ sich nicht zweimal bitten. Unter dem Jubel seiner schweißgebadeten Teamkollegen reckte Toews die Trophäe in die Höhe. «Ich bin sprachlos. Es war ein unglaublicher Lauf, vom ersten Trainingstag bis jetzt zur Meisterschaft», sagte der 22-Jährige.

In Chicago stürmten zur selben Zeit Zehntausende Fans auf die Straßen, feierten mit Hupkonzerten und Feuerwerk. Die längste Leidenszeit der Liga hat ein Ende. 7951 Tage nach dem letzten Triumph am 16. April 1961 ist der Cup wieder in Chicago.

Stürmer Marian Hossa war überglücklich. Endlich ist er Meister, nachdem er 2008 mit Pittsburgh und 2009 mit Detroit jeweils im Endspiel verloren hatte. «Der Cup ist ziemlich schwer, aber er ist eine unglaubliche Genugtuung», sagte der Slowake. Duncan Keith sprach von einer «sagenhaften Mannschaftsleistung.» Der Verteidiger gilt als Sinnbild für den steinigen Weg zum Titel. Im Halbfinale bekam er gegen San Jose einen Puck ins Gesicht, verlor sieben Zähne, fiel aber kein Spiel aus. «Bei uns hat sich jeder auf seine Weise aufgeopfert», betonte Keith, der nur noch Duncan «Teeth» (Zähne) genannt wird.

Chicagos Championship-Schütze Kane gehört ausgerechnet zu den Spielern, die am 28. Februar mit den USA im Olympia-Finale von Vancouver noch 2:3 nach Verlängerung gegen Kanada verloren hatten. Fast parallel zur Torlinie skatend, schoss er den Puck Flyers- Torhüter Michael Leighton durch die Beine ins lange Eck. Kane jubelte sofort, die 20 327 Zuschauer und andere Spieler glaubten zunächst, die Scheibe sei zwischen Leightons Schonern. «Ich wusste sofort, dass es ein Tor war. Verdammte Axt, ich kann gar nicht glauben, dass wir Meister sind. Du träumst als Kind davon, dass Siegtor im Stanley Cup- Finale zu schießen», sagte Kane.

Der Torschütze und Toews stehen für die Renaissance der Blackhawks. 2007 war das Team noch im NHL-Keller etabliert, nur 3400 Dauerkarten setzte der Verein ab. Inzwischen ist das United-Center zur Pilgerstätte geworden und seit 102 Spielen mit mehr als 22 000 Fans ausverkauft. «Wir hätten den Titel gerne daheim geholt, aber dafür wird die Parade in Chicago umso größer», sagte Toews. Neben ihm haben auch Keith und Brent Seabrook nach Olympia-Gold innerhalb von knapp drei Monaten den zweiten großen Titel gewonnen.

Wie das Trio konnte auch die NHL jubeln. Vor allem dank der Olympischen Winterspiele hat Eishockey in dieser Saison einen Boom erlebt. Die Zuschauerzahlen sind in den USA so hoch wie zuletzt 2002. Das Olympia-Endspiel erreichte mit 27,6 Millionen Fans vor den Fernsehern einen Wert wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Klickzahlen der Internetseite NHL.com sind nach Liga-Angaben um 51 Prozent gestiegen, bei den Sponsoren gab es einen Zuwachs um 20 Prozent.