Hamburg (dpa) ­ Prinzen begegnen im Opiumrausch ihrer Traumfrau. Sie erscheint dem Mann auch als ätherisches Geisterwesen im Kimono oder rätselhaftes Wassergeschöpf:

Zum Abschluss der 36. Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper am Sonntagabend präsentierte Ballett- Intendant John Neumeier unter dem Motto «Fließende Welten» einen Reigen fesselnder Choreografien. Nicht nur die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit erwiesen sich in den Tanzszenen als durchlässig, sondern auch die zwischen westlichen und östlichen Stilen, zwischen Moderne und Tradition. Stargäste aus Paris und Peking, St. Petersburg und Tokio waren zur Gala geladen.

Der knapp sechsstündige Ballett-Marathon, musikalisch von Simon Hewett und den Hamburger Philharmonikern exzellent begleitet, endete kurz vor Mitternacht unter Publikumsjubel im Konfettiregen. Traditionell bieten die Ballett-Tage Tanzfans die Gelegenheit, sich einen Überblick über neue Choreografien und das Repertoire des Hamburg Balletts zu verschaffen. Wer das Glück hat, Karten für die Nijinsky-Gala zu ergattern, bekommt das Spektrum im Kompakt-Programm des Gala-Abends zu sehen, in dem sich Solisten und Compagnie in Duo- und Ensemble-Szenen zeigen.

Diesmal fiel Patricia Tichy in einem markant und klar getanzten Solo aus Neumeiers «Josephs Legende» auf. Auch Kiran West wusste seine Chance zu nutzen, profilierte sich durch jungenhaften Charme, Leichtfüßigkeit, federnde Sprungkraft und Sicherheit in «Verklungene Feste». Im ersten Teil brillierte das mit dem Prix Benois de la Danse 2010 ausgezeichnete Paar Hélène Bouchet und Thiago Bordin in Frederick Ashtons «Thais»-Pas de deux: Ein Klasse für sich, elegant, von vollendeter Linie und Harmonie. Silvia Azzonis «Kleine Meerjungfrau» kann man immer wieder sehen und ist jedes Mal aufs Neue gebannt, überrascht von ihrer intensiven Rollengestaltung, der schwerelosen Grazie. Sie tanzte auch mit Carsten Jung in leuchtender Makellosigkeit zum Gala-Finale den sechsten Satz aus Neumeiers Choreografie von Mahlers «Dritter Sinfonie».

Zuvor jedoch gab es ein vom Publikum frenetisch gefeiertes Wiedersehen mit den «Hamburger Ballett-Zwillingen» Jiri und Otto Bubenicek in «Le souffle de l`esprit» (Atemhauch der Seele). Das Trio (mit Alexandre Riabko) zum Pachelbel-Kanon für Streicher hat Jiri seiner gestorbenen Großmutter gewidmet. In jenseitige Welten entführten ebenfalls die anmutige, fragile Solistin Zhu Yan und ihr viriler Partner Hao Bin vom Chinesischen National Ballett aus Peking in Fei Bos Choreografie «Päonien-Pavillon» nach der berühmten Kunqu- Oper: Hinreißend bändigte das Paar in der Tanzform den Sturm unerfüllbarer Liebe und Leidenschaft.

Im dritten Pas de deux aus Maurice Béjarts indisch inspirierter Choreografie «Bhakti» transformierten Mizuka Ueno und Kazuo Kimura Sex in abstrakte, geschmeidig verschlungene Körpergeometrien von magischer physischer Präsenz. In der einzigen Uraufführung des Abends paraphrasierte Jérémie Bélingard von der Pariser Oper in seinem Solo «My heart is a lonley hunter» Nijinskys «Nachmittag eines Fauns» und ließ sich bei seiner Choreografie vom japanischen Kollegen Saburo Teshigawara inspirieren. Klassisches Ballett verschmolz der Tänzer mit Teshigawaras linearem, in Schwüngen verzögerten und vibrierenden Minimalismus und huldigte dem innovativen Geist Nijinskys, dem Neumeier alljährlich die Gala widmet.

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