Nürnberg (dpa) - Trotz kräftig sinkender Arbeitslosigkeit im Juni sieht die Bundesagentur für Arbeit (BA) den deutschen Arbeitsmarkt noch nicht über den Berg. Noch gebe es zu viele konjunkturelle Risiken, um von einem selbstragenden Aufschwung zu sprechen, warnte BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise.

«Es ist nicht so, dass ein Aufschwung stattfindet, der die Wirtschaftskrise völlig ausradiert hat.» Das zweite Quartal 2010 laufe noch gut. «Aber schon 2011 sehen wir Schatten über dem Arbeitsmarkt», fügte Weise hinzu.

Bundesweit waren im Juni 3,153 Millionen Menschen auf Jobsuche. Dies ist die geringste Juni-Arbeitslosigkeit seit 18 Jahren. Im Mai waren bei der Bundesagentur noch 88 000 mehr Menschen als erwerbslos registriert, vor einem Jahr waren es 257 000 mehr. Die Arbeitslosenquote nahm im Juni nach Angaben der BA um 0,2 Punkte auf 7,5 Prozent ab, nachdem sie im Vorjahresmonat noch bei 8,1 Prozent gelegen hatte.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bezeichnete die aktuelle Arbeitsmarktlage zwar als ermutigend. Angesichts von noch immer 3,15 Millionen Menschen ohne Arbeit warnte aber auch sie vor einer zu positiven Bewertung. «Der Arbeitsmarkt zeigt sich stabil, aber noch nicht dynamisch», erklärte sie in Berlin. Doch unter dem Strich könne man eine Verbesserung erkennen.

Nach Beobachtung von BA-Chef Weise offenbaren branchenbezogene und regionale Analysen weiterhin Probleme auf dem Arbeitsmarkt. «Es sind noch immer riesige Strukturveränderungen im Raum», sagte er. Mit dem Trend zur Dienstleistungsgesellschaft gingen weitere Arbeitsplätze in der Industrie verloren. Der Verlust werde zwar von der Expansion im Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Zeitarbeit mehr als wettgemacht - die neuen Stellen seien aber oft nur Teilzeitjobs.

Für dieses Jahr zeigte sich der BA-Chef dennoch zuversichtlich. «Wir werden bei der Arbeitslosenzahl möglicherweise knapp an die Drei-Millionen-Grenze herankommen.» Ob die psychologisch wichtige Marke unterschritten werde, wie dies zuletzt im Oktober und November 2008 der Fall war, sei noch unklar. Im Jahresdurchschnitt rechne er inzwischen mit weniger als 3,4 Millionen Erwerbslosen; der Wert würde damit unter dem von 2009 liegen.

Die Nachfrage nach Kurzarbeit nimmt unterdessen weiter ab, liegt aber nach den jüngsten Daten vom April mit 613 000 Kurzarbeitern immer noch über Erwarten hoch. Im Juni haben Firmen nach einer Hochrechnung der Bundesagentur allerdings nur noch für 25 000 bis 27 000 Beschäftigte Konjunktur-Kurzarbeitergeld beantragt. Viele Unternehmen agierten noch immer vorsichtig, betonte Vorstandsmitglied Raimund Becker. Dies sei auch der Grund für den aktuellen Boom bei der Zeitarbeit, der die Zahl der Leiharbeiter inzwischen wieder auf 623 000 habe hochschnellen lassen.