Berlin (dpa) - Was in ihrem Kopf vorgegangen ist, als ihr Parteifreund Christian Wulff in den ersten beiden Anläufen bei der Bundespräsidentenwahl scheiterte, kann man nicht sagen. Aber nach außen gab sie sich bestens aufgelegt, fröhlich und entspannt: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Kürzlich war sie für einen Tag als Bundespräsidentin gehandelt worden. Sie wäre die erste Frau in diesem Amt gewesen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel soll große Sympathien für sie gehabt haben. Doch zwei Frauen an der Spitze des Staates waren für die Union angeblich zu viel.

Merkels Kandidat wurde schließlich der niedersächsische Ministerpräsident Wulff. Vielleicht war von der Leyen bei aller möglichen Enttäuschung nun froh, dass ihr diese Schmach erspart geblieben ist: Die in der Bundesversammlung mit einer satten absoluten Mehrheit ausgestattete schwarz-gelbe Koalition ließ den 51-Jährigen am Mittwoch zweimal durchfallen.

Erst im dritten Wahlgang, wo die einfache Mehrheit reichte, wurde er Nachfolger des im Mai überraschend zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler. Dann allerdings erhielt Wulff mit 625 so viel Stimmen, die ihn bereits im ersten Wahlgang zum Präsidenten gemacht hätten - eine auffällige Machtdemonstration der Abgeordneten.

Für die Koalitionsspitze mit Merkel, Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) und CSU-Chef Horst Seehofer sei das ein Schlag ins Kontor, hieß es in der Koalition. In der Unionsfraktion wurde von einer «Blamage» gesprochen, dass die Koalition ihre Reihen nicht zu schließen und den deutlichen Vorsprung von 21 Stimmen in der Bundesversammlung nicht gleich im ersten Anlauf zu nutzen vermochte.

Seehofer und Merkel warnten vor gegenseitigen Vorwürfen, dass der jeweils andere Partner Schuld für Wulffs holprigen Weg ins Schloss Bellevue und den großen Achtungserfolg des rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck sei. FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel zeigte aber schnell mit dem Finger auf die Union: «Bei uns haben vier Kollegen angemeldet, dass sie Herrn Gauck wählen werden (...) Eine unangemeldete Gegenstimme ist bei uns nicht üblich.»

Die Abweichler haben nicht nur Wulff getroffen - gezielt haben sie auch auf Merkel und Westerwelle. Den größeren Schaden aber dürfte Merkel tragen, auch wenn Westerwelle in seiner Partei wegen schlechter Umfragewerte und manch missglückten Äußerungen unter Druck steht. Offen ist auch, ob mehr als Niebels «vier Kollegen» Gauck wählten - bei einer geheimen Wahl sind solche Spekulationen müßig.