Hamburg (dpa) - Der Hamburger SV nutzt die Sommerpause wieder einmal zur Selbstzerfleischung. Ehemalige HSV-Präsidenten und Anhänger ergriffen bei einer fünfstündigen außerordentlichen Mitgliederversammlung die Gelegenheit für eine Generalabrechnung mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann.

Besonders aufgebracht reagierten die mehr als 1000 Fans im Stadion des Hamburger SV über die Haltung des Aufsichtsrates, der das 15-Millionen-Modell «Anstoß» des Logistik-Unternehmers Klaus- Michael Kühne für Spielertransfers zu unkritisch abgenickt habe. Als eine lautstarke Front «Becker-raus» dem Ratsvorsitzenden Horst Becker entgegen rief, drohte die Versammlung um kurz vor Mitternacht zu eskalieren.

«Jetzt ist Schluss», schrie Hoffmann in die Mikrofone auf einer Bühne im Innenraum des Stadions und versuchte die aufgebrachte Mitgliedschaft auf der Westtribüne zu beruhigen. Vergeblich hatte der 47-Jährige in einer 53-minütigen Rede die gute wirtschaftliche Lage des Clubs dargestellt und das in der Bundesliga einmalige Investorenmodell gerechtfertigt. «Dieser Vertrag ist ein Sechser mit Zusatzzahl», sagte Hoffmann und machte den teuren Stadionkredit und das Verfehlen des internationalen Wettbewerbs für dringend notwendige Zusatzeinnahmen verantwortlich. In der Europa League habe man in den vergangenen sechs Jahren im Schnitt acht Millionen Euro eingenommen.

Besonders auf Kritik stößt die Kühne-Vereinbarung deswegen, weil der Hamburger Milliardär schon jetzt bei etwaigen Weiterverkäufen von Marcell Jansen, Paolo Guerrero und Dennis Aogo beteiligt ist. Zugeben musste Hoffmann auch, dass bei Todesfall oder Invalidität Kühne sein Geld zurückbekommt. «Das hat nichts mit Zockerei zu tun», sagte Hoffmann und betonte, von den ständigen Diskussionen mit der starken Mitgliedervereinigung Supporters genervt zu sein. Vor Jahresfrist sorgte schon der Machtkampf mit dem beliebten Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer für Unmut und Unruhe im Verein, jetzt musste Hoffmann für seine wirtschaftlichen Alleingänge Kritik einstecken.

Der Hauptvorwurf ist die fehlende Transparenz und die mangelnde Bereitschaft des HSV-Vorsitzenden zur Diskussion mit seinem Verein. Tatsächlich will der Leverkusener Kaufmann nach dem Abschied von Beiersdorfer und dem ausbleibenden sportlichen Coup am liebsten alles allein machen. «Weniger als ein Streben nach einer deutschen Meisterschaft ist mit mir nicht zu machen», sagte er klar und deutlich. Seine große Schwäche: Er lässt dabei keinen starken sportlichen Lenker neben sich zu.

Die Sommerposse um Bastian Reinhardt, der offiziell im Vorstand nun sogar dem neuen Sportdirektor Urs Siegenthaler vorgesetzt ist, wird in den nächsten Monaten weitergehen. Wer bestimmt die sportliche Ausrichtung und Philosophie? Wer haut dazwischen, wenn wir im Vorjahr das Verhältnis zwischen den selbstbewussten Profis und dem neuen Coach Armin Veh leiden sollte? Beide?

In seiner kurzen und unsicheren Rede am Ende der Sommerversammlung deutete Reinhardt an, wie schwer es ist, einen Ersatz für Jerome Boateng in der Verteidigung zu bekommen. Kurz vor der Einigung soll der HSV mit dem U-21-Nationalspieler Dennis Dieckmeier vom 1. FC Nürnberg stehen. Für etwa 2,5 Millionen Euro Ablöse könnte der Abwehrspieler schon in den nächsten Tagen kommen. Auch für Herthas Gojko Kacar soll der HSV 3,5 Million bieten - doch das sind nicht die großen Fußballer, von denen Vorstand und Investor träumen.