Berlin/Zürich (dpa) - Das Ortsschild der Gemeinde Sommerloch in Rheinland-Pfalz muss immer wieder zur Illustration herhalten, wenn sich im Juli und August Politiker aus der hinteren Reihe oder aber Promis und Tiergeschichten in den Vordergrund drängen.

Dieses Jahr haben sich bereits viele Medien und Blogger erwartungsvoll über das Sommerloch ausgelassen. Doch gibt es sie überhaupt noch, die «Saure- Gurken-Zeit»?

Den Gurken-Namen trug das mediale Flauten-Phänomen bis in die 70er Jahre, wenn man es damals überhaupt benennen wollte. Die Taktung der Nachrichten war früher langsamer, das Mediengeschäft bedächtiger, die Angst entsprechend kleiner, nichts zu melden zu haben und deshalb womöglich lieber Banales als nichts zu verbreiten.

Zu den bisherigen Höhepunkten des angeblichen Sommerlochs 2010 zählten viele Medien das Theater um die «seherische» Krake Paul, das erneute Ehe-Drama von Lothar Matthäus, ein Musikvideo von Lena, in dem die Eurovisions-Siegerin Autodiebstahl verharmlose, den Vorschlag von FDP-Politiker Erwin Lotter, Kindern Fast Food zu verbieten, oder die Idee von Marco Wanderwitz (CDU), Übergewichtige mehr an den Gesundheitskosten zu beteiligen.

Der Vorstoß von Rainer Brüderle (FDP), die Rentengarantie zu kassieren, passt nicht ganz ins klassische Schema - sein Amt als Wirtschaftsminister ist eigentlich zu hochrangig.

Doch die genannten Themen haben alle nicht die Tragfähigkeit, tagelang aufzuregen. Kein Hinterbänkler schafft es heute noch, die Nation wochenlang in Wallung zu bringen. Das Spiel ist durchschaut. Banales wird heute, wenn überhaupt, nur noch kurz aufgebauscht, dann zieht die Karawane weiter. Außerdem: die Spaßgesellschaft der 90er ist längst vorbei. 1994 reichte noch ein ausgebüxter Kaiman namens «Sammy», um die Fantasie längere Zeit zu beflügeln.

Heutzutage entsteht nicht gleich eine Nachrichtenflaute, nur weil der Bundestag sitzungsfrei hat. Es passiert genug Skandalöses und Schockierendes - sei es bei der Loveparade, im Golf von Mexiko, in Afghanistan, Nordkorea oder in den Chefetagen von Banken. Ein Umstand, der eine Art Sehnsucht auslöst. Eine Sehnsucht nach dem guten alten Sommerloch, das jedoch versiegt ist. Gemein: Man muss sich das Sommerloch heute selber schaffen.