Berlin (dpa) - Britta Steffen fehlt, der Nachwuchs nutzt kaum seine Chance - allein Paul Biedermann glänzt mit Weltjahresbestzeit. Die deutschen Schwimmer fahren nicht ohne Sorgen zur EM nach Budapest.

Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin waren Spitzenleistungen Mangelware, zudem sagte in Doppel-Weltmeisterin Steffen eine weitere arrivierte Kraft ihre EM-Teilnahme ab. «Das letzte halbe Jahr wollte ich viel, konnte aber nicht. Ich war und bin nicht in dem Zustand, wie ich mich präsentieren möchte», sagte Steffen.

Ihr Freund Biedermann setzte nach einer nur mäßigen Leistung über 400 Meter ein Ausrufe-Zeichen über 200 Meter Freistil: In 1:45,84 Minuten verbesserte er die bisherige Weltjahresbestzeit des 18-jährigen Franzosen Yannick Agnel um 46/100 Sekunden. «Dieses Rennen war enorm wichtig für mich und ich bin sehr froh, dass es so gut geklappt hat. Jetzt kann ich entspannter nach Budapest fahren», sagte der 23-Jährige, der nach seinem Anschlag erleichtert die Faust ballte.

24 Stunden zuvor hatte «Deutschlands Sportler des Jahres» nach nur knapp geschaffter EM-Norm über die doppelte Freistil-Distanz enttäuscht den Kopf geschüttelt und in der ersten Erregung sogar seinen EM-Start über die 400 Meter in Frage gestellt. «Auf den 400 Metern bin ich noch nicht so fit. Das liegt vielleicht auch am Wegfallen der Anzüge und weil ich vielleicht noch ein bisschen zu schwer bin», sagte er und will die EM (9. bis 15. August) für eine Grundsatzentscheidung nutzen.

«Ich muss mal sehen, wie es über die 400 Meter läuft. Vielleicht muss man danach den Fokus neu ausrichten und sich auf die kürzeren Strecken 100 und 200 Meter konzentrieren», sagte er nach seinem dritten DM-Titel, bei dem Freundin Britta Steffen auf der Tribüne die Daumen drückte.

Nach dem Rekordfestival des vergangenen Jahres in den High-Tech-Ganzkörperanzügen gab es nun in langer Textil-Badehose nur eine Weltjahresbestzeit. Neben EM-Titelverteidiger Biedermann sind die europäischen Jahresbesten Hendrik Feldwehr (Essen/50 Meter Brust), Isabelle Härle (Heidelberg/1500 Meter Freistil) und Essens Rücken-Vize-Weltmeisterin Daniela Samulski (50/100 Meter) die aussichtsreichsten deutschen Medaillen-Kandidaten bei der EM. Der dreimalige Meister Steffen Deibler (Hamburg) könnte über die kurzen Schmetterlings-Distanzen seinen Durchbruch schaffen.

Für den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) kommt Steffens Absage nicht überraschend. Ihre Entscheidung ist dennoch ein herber Schlag für das Vorhaben, in Budapest wie angestrebt beste europäische Schwimm-Nation mit elf Medaillen und 20 Finalplätzen zu werden. «Wir sind sehr traurig. Das wird viel schwieriger das Ziel zu halten. Mit drei bis vier Medaillen weniger müssen wir rechnen», sagte der Sportdirektor Leistungssport des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), Lutz Buschkow.