Kapstadt/Erasmia (dpa) - Grandios - genial - weltmeisterlicher Wahnsinn! Edelfan Angela Merkel riss es bei jedem der vier deutschen Böllerschüsse in die gebrochenen Herzen von Diego Maradona und Lionel Messi jubelnd aus ihrem Logen-Sitz, Michael Ballack sah fassungslos staunend seinen jungen Erben zu.

Und Fußball-Mastermind Joachim Löw war nach dem 4:0-Urknall gegen zertrümmerte Argentinier hingerissen wie noch nie in sechs Jahren beim DFB. «Was die Mannschaft an Siegeswillen abgerufen hat, das war nicht nur internationales Niveau, das war Champions-Niveau», schwärmte der Bundestrainer nach 90 nahezu perfekten Minuten im Green Point Stadion von Kapstadt.

Vier Jahre nach dem emotionalen WM-Sommermärchen zelebriert eine junge deutsche «Boy Group» in Südafrika ein kaum zu fassendes Fußball-Wintermärchen. «Es war einfach überwältigend. Das ist ein Traum», jauchzte die Bundeskanzlerin, die eine euphorische Ansprache in der Kabine hielt. «Wir haben den Gegner zerlegt», tönte Arne Friedrich, «das ist ein Märchen, auch die Art und Weise, wie wir Fußball spielen.» Ein am Boden zerstörter und vom Fußballlehrer Löw taktisch entzauberter Trainer-Novize Maradona fühlte sich nach «der härtesten Niederlage» seines Lebens so, als ob ihn Box-Legende Muhammad Ali mit einem Fausthieb krachend niedergestreckt hätte.

Und Lahm, Schweinsteiger, Klose oder der unglaubliche Müller? Sie schweben - berauscht von sich selbst - auf einer Glückswolke dem «4. Stern für Deutschland» entgegen. Nach der nächtlichen Rückkehr ins Stammquartier wurde getanzt und gefeiert, am Sonntagnachmittag gab's frei. «Jetzt fehlen nur noch zwei Spiele - und dann haben wir das Ding», rief Lukas Podolski entschlossen aus. «Wenn man im Halbfinale steht, will man mehr - klar», sagte Kapitän Philipp Lahm.

«Jeder weiß, dass der Weg noch weiter geht. Wir wollen natürlich auch bis zum Ende durchmarschieren», verkündete Manager Oliver Bierhoff. «Es ist so nah», sagte Merkel entzückt und zugleich beschwörend zu den jungen Wilden um Anführer Lahm in den Katakomben.

8:1 gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) - die Welt wird in Südafrika Zeuge deutscher Fußball-Sternstunden. Und auf dem Königsweg zum großen Traum türmt sich nun am Mittwoch im Halbfinale (20.30 Uhr) bei der EM-Revanche in Durban die nächste weltmeisterliche Prüfung gegen Löws großes Vorbild auf. «Spanien ist sicherlich besser als England und Argentinien. Aber sie sind nicht unbezwingbar», sagte Miroslav Klose, der sein 100. Länderspiel mit zwei Toren krönte.

«Es ist wichtig, dass wir jetzt emotional nicht überdrehen», warnte Löw, der um die angeschlagenen Stuttgarter Sami Khedira (Muskelverhärtung) und Cacau (Wirbelblockade) bangt. Löw will nun nicht lockerlassen: «Da ist es wichtig, dass wir uns in den nächsten Tagen besinnen und konzentrieren auf unsere Aufgaben.»