Montevideo (dpa) - Ausgerechnet Uruguay soll die Ehre Lateinamerikas retten: Der unerwartete WM-Erfolg der uruguayischen Fußball-Nationalelf hat dem Selbstvertrauen einer lange an sich selbst zweifelnden Nation einen kräftigen Schub gegeben.

Schlagzeilen wie «Uruguay muss die Großen nicht fürchten» oder «Uruguay ist wieder geachtet» beziehen sich zwar vordergründig nur auf die sportlichen Siege des kleinen südamerikanischen Landes, meinen aber indirekt auch das Selbstverständnis eines ganzen Volkes.

Nach dem Sieg gegen Ghana und dem Einzug ins Halbfinale entlud sich die Spannung in einem riesigen Freudenfest, das alle sozialen Schichten ergriff. «Kommt nach Hause, wann immer ihr wollt, es ist schon alles erreicht», beschrieb eine Zeitung den Stolz und das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Nationalelf und ihrem Trainer Oscar Tabárez, den alle den «Maestro» nennen. Die aber wollen noch gar nicht nach Hause, sondern im Halbfinale am 6. Juli in Kapstadt die Niederlande besiegen. Nur zum Vergleich: Uruguay hat 3,5 Millionen Einwohner und damit in etwa so viele Bürger wie Berlin. Und eine Mannschaft nur aus Berliner Fußballern hätte es bei einer WM vermutlich recht schwer.

Wie groß der Einfluss des Fußball auf das allgemeine Lebensgefühl in dem zwischen den Riesennachbarn Brasilien und Argentinien eingeklemmten Land sind, zeigt auch eine Überschrift in der Zeitung «República»: «Noch ein Tor für Uruguay: in nur 125 Tagen 2102 neue Arbeitsplätze, 26 Unternehmensgründungen und ausländische Investitionen im Wert von 370 Millionen Dollar». Die Zahlen wären in größeren Ländern nicht der Rede wert, die sportlichen Triumphe hingegen sehr.

Seit 125 Tagen ist der neue Präsident José «Pepe» Mujica im Amt. Der frühere Guerillero regiert das Land mit einer Pragmatik, aber auch mit einem Ziel: die sozialen Unterschiede zu verringern. Damit setzt er eine Politik des politischen Wandels und der Modernisierung fort, die 2005 mit der ersten linksgerichteten Regierung in der Geschichte des Landes begonnen hatte. Erstmals nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergangs, der in die bitteren Jahre der Militärdiktatur (1973-1985) mündete, schöpfen die Uruguayer wieder Hoffnung auf eine Wiederkehr des «goldenen Zeitalters» etwa bis 1950, als ihr Land als die «Schweiz Südamerikas» galt.

Und mit dem Ende der wirtschaftlichen Blüte fällt in etwa auch der letzte WM-Titel für Uruguay zusammen: 1950, zum zweiten Mal nach 1930 und seither auch letzten Mal. «Uruguay feiert keine zweiten Plätze», hieß es damals noch etwas hochmütig. Dieser «Schatten», der das Land während der jahrzehntelangen Durststrecke behindert habe, sei nun endlich abgeworfen, schreibt der Soziologe Mendiondo in der Zeitung «El Pais». Die Uruguayer könnten ihre Siege wieder feiern, ohne unbedingt gleich Weltmeister werden zu wollen. Das sei damals ohnehin nur gelungen, weil die europäischen Nationen von zwei Weltkriegen geschwächt gewesen seien.

Und noch viel schöner sind die Erfolge, weil die Fußball-Giganten Brasilien und Argentinien sowie Paraguay, Chile, Honduras und Mexiko und damit alle lateinamerikanischen Mannschaften schon nach Hause fliegen mussten. «Uruguay verteidigt nun die Ehre ganz Lateinamerikas», lautete eine andere Schlagzeile. Als letzte Bastion eines ganzen Kontinents hatte sich aber schon eine Mannschaft bezeichnet: Ghana, bevor es von Uruguay geschlagen wurde.