Boston (dpa) - Die Leichtathletik steht unter Schock. Der plötzliche und bislang ungeklärte Tod von 400 Meter-Ex-Weltmeister Antonio Pettigrew (USA) hat Betroffenheit und Fassungslosigkeit ausgelöst, aber auch reichlich Fragen aufgeworfen.

Zwei Jahre nach seinem Doping-Geständnis ist Pettigrews Todesursache noch unklar. «Diese Nachricht hat uns alle tief betrübt. Unser Mitgefühl gilt Antonios Familie, Freunden und Kollegen», meinte die Präsidentin des US-Leichtathletik-Verbandes USATF, Stephanie Hightower. Der 42-Jährige wurde am Morgen des 10. August in Chatham County/North Carolina tot auf der Rückbank seines Autos gefunden worden. Nach Polizeiangaben gab es Anzeichen, dass er Schlaftabletten genommen habe.

«Die ganze Leichtathletik-Gemeinde ist tief bestürzt. Er ist einer von uns und wir haben einen von uns verloren», erklärte Ex-Sprinter Ato Boldon (Trinidad & Tobago), Olympia-Zweiter in Sydney über 100 Meter. Konkrete Anhaltspunkte über Pettigrews Tod oder gar Anzeichen für eine Straftat gebe es bisher noch nicht, bestätigte Gary Blankenship, Sheriff von Chatham County. Pettigrews Leiche wurde zur Autopsie nach Chapel Hill gebracht. Die toxikologischen Ergebnisse, die frühestens in vier Wochen erwartet werden, müssen klären, ob als Todesursache auch die Folgen jahrelangen Dopingmissbrauchs infrage kommen. «Bis jetzt wissen wir nicht, ob der Tod absichtlich oder unbeabsichtigt herbeigeführt wurde. Vielleicht werden wir es nie wissen», so Blankenship.

Pettigrews Frau Cassandra hatte ihren Ehemann um kurz nach Mitternacht als vermisst gemeldet. Zwei Freunde hatten anschließend nach Pettigrew auf dessen Arbeitsweg vom Haus in Apex zum Campus der University of North Carolina gesucht, wo er seit 2006 als Assistenztrainer der Leichtathleten arbeitete. An einer Brücke fanden sie schließlich seinen parkenden Wagen. «Er schien zu schlafen, reagierte aber nicht», sagte Blankenship. In den kommenden Tagen werde die Polizei in Gesprächen mit Familien-Angehören, Freunden und Verwandten die Aufklärung vorantreiben.

Pettigrew, 4x400-Meter-Staffel-Olympiasieger in Sydney und dreimal Staffel-Weltmeister, hatte vor zwei Jahren als Zeuge im Meineid- Prozess gegen seinen ehemaligen Trainer Trevor Graham ausgesagt. Dabei belastete er nicht nur seinen Ex-Coach des Vertriebs und der Weitergabe von Doping an seine Athleten, sondern gab auch zu, von 1997 an selbst jahrelang EPO und Wachstumshormonen genommen zu haben. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) erkannte der US-Staffel daraufhin sowohl den Olympiasieg von Sydney, als auch die drei WM-Titel von 1997, 1999 und 2001 ab. Die gewonnenen Goldmedaillen gab Pettigrew zurück.

Zudem annullierte der Leichtathletik-Weltverband IAAF den 1998 mit Pettigrew aufgestellten Weltrekord (2:54,20 Minuten) des US-Quartetts. Seinen 400 Meter-Einzeltitel bei der WM 1991 in Tokio durfte er dagegen behalten.

Durch sein Dopinggeständnis drohte Pettigrew seinen Job als College-Coach zu verlieren. Erst nach intensiven Gesprächen mit dem Chef der Leichtathletik-Abteilung, Dick Baddour, durfte er seine Anstellung behalten. «Ich habe die Verpflichtung, etwas gegen die Nutzung von verbotenen Substanzen zu sagen. Ich möchte Leuten, besonders jungen Athleten lehren, dass das Negative dieser Mittel viel schwerer wiegt, als ihr Nutzen», hatte Pettigrew damals betont. Diesen Worten, so Baddour, habe er Taten folgen lassen. Pettigrew soll noch in der Woche seines Todes beigesetzt werden.