Berlin (dpa) - Seit sie denken kann, gibt es für die Sklavin Zarité nur ein Ziel: die Freiheit. Sie wird sie erreichen, doch der Weg dahin ist steinig, gefährlich und lang. Und genau der richtige Stoff für Isabel Allende, um drumherum einen Roman zu weben, der farbenfreudiger und fesselnder kaum sein kann.

«Die Insel unter dem Meer» ist ein typischer Allende und ein wunderschöner - trotz aller Grausamkeiten, die die Geschichte der gebeutelten Karibikinsel Haiti als Handlungsschauplatz aufzuweisen hat. Wie schon in einigen ihrer historischen Romane zuvor hat die chilenische Autorin auch dieses Mal wieder ein pralles Sittengemälde der Gesellschaft geschaffen und eine generationsübergreifende Geschichte vor historischen Ereignissen ersonnen, die Kontinente und Ozeane überspringt. Sie beginnt mit einem kurzen Rückblick Zarités, genannt Teté. Doch die eigentliche Handlung setzt genau im Jahr 1770 ein, als der französische Thronfolger und spätere König Ludwig XVI. die 14-jährige Marie-Antoinette heiratet.

Zur gleichen Zeit folgt der junge Toulouse Valmorain dem Ruf seines Vaters in die französische Kolonie Saint-Domingue, die in der Sprache der längst ausgerotteten Ureinwohner Haiti (Land der Berge) hieß und Jahrzehnte später wieder so heißen sollte. Valmorain bringt die Zuckerrohrplantage seines Vaters auf Vordermann (mit grausamster Sklavenausbeutung) und ehelicht dann eine spanische Adlige von der Nachbarinsel Kuba. Für sie kauft er das Mädchen Zarité, deren Schicksal fortan mit seinem verbunden bleiben sollte.

Für alles, was sich zwischen Zarités Rückblick und dem letzten Kapitel - dem Ausgangspunkt - abspielt, könnten die Titel einiger Klassiker der Weltliteratur herhalten: «Schuld und Sühne» (Dostojewski), «Stolz und Vorurteil» (Austen), «Krieg und Frieden» (Tolstoi). Denn nicht weniger hat Allende zu ihrem Thema gemacht. Doch die sich daraus ergebene Opulenz ihres Werkes erschlägt keineswegs, vielmehr ist sie Grundlage einer feinen Charakterisierung von Mensch und Gesellschaft in all ihren Facetten.

Die Grausamkeiten eines Systems, das Menschen anderer Hautfarbe unterwirft und quält, beschreibt Allende - mal in Person Zarités, mal als außenstehende Erzählerin - ganz und gar unprätentiös. Alles, was geschieht, spricht für sich und wirkt umso gewaltiger. Ihr Bild der Sklaverei, der noch jungen Gegenbewegung und der revolutionären Prozesse der damaligen Zeit ist im Gegensatz zu Harriet Beecher Stowes «Onkel Toms Hütte» oder Jorge Isaacs' «Maria» aus heutiger und deshalb moderner Sicht geschrieben, deswegen aber nicht weniger aufrüttelnd.

Im Gegenteil: So kommt die unausgesprochene Mahnung, die in vielen Teilen der Welt - und ganz besonders in Haiti - noch immer herrschenden Missstände und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, aktuell und überzeugend daher. Und was die Geschichte betrifft, in der sich Napoleon längst zum Kaiser gekrönt hat, Zarité schon seit Jahren in New Orleans lebt und Haiti die erste unabhängige schwarze Republik Lateinamerikas ist und dennoch im Chaos versinkt, so gibt es viele gute, nicht weniger ungute, manchmal vorhersehbare, aber auch etliche überraschende Wendungen. Wunderbar geschrieben und fesselnd bis zur letzten Zeile.

Isabel Allende