Mannheim (dpa) - Nach dem rasanten Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal rechnen Finanzexperten mit einer Abkühlung der deutschen Konjunktur in den kommenden Monaten.

Die ZEW-Konjunkturerwartungen sanken im August überraschend im Vergleich zum Vormonat um 7,2 auf 14,0 Punkte, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mitteilte. Einige Konjunkturexperten hatten nach den Rückgängen der vergangenen Monate dagegen mit einem leichten Anstieg gerechnet. Die deutsche Industrie beurteilt die Aussichten für dieses Jahr allerdings positiv und schraubte ihre Erwartungen nach oben.

Der Rückgang der Konjunkturerwartungen deute darauf hin, dass das starke Wachstums des zweiten Quartals nicht aufrechterhalten werden könne, erklärte das ZEW. Der Grund ist die schwache Konjunkturentwicklung in anderen Euro-Ländern und den USA, die als Außenhandelspartner für die exportorientierte deutsche Wirtschaft wichtig sind.

«Vor dem Hintergrund der schwächelnden internationalen Konjunkturentwicklung ist den Finanzmarktexperten die Wachstumseuphorie einzelner Branchen offensichtlich nicht ganz geheuer», erklärte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Laut ZEW könnte die deutsche Wirtschaft allerdings auch bei einer Stagnation in den kommenden sechs Monaten im Gesamtjahr immer noch um etwa drei Prozent wachsen. Im zweiten Quartal hatte die deutsche Wirtschaft gegenüber dem Auftaktquartal kräftig um 2,2 Prozent zugelegt.

Die deutsche Industrie schraubte ihre Konjunkturerwartungen deutlich nach oben. «Wir rechnen sogar, dass wir in diesem Jahr es schaffen könnten, drei Prozent Wirtschaftswachstum hinzukriegen», sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, im ARD-«Morgenmagazin». Das seien 72 Milliarden Euro mehr an Brutto-Wertschöpfung in Deutschland. «Das sind vielleicht 18 Milliarden mehr in der Steuerkasse von Herrn Schäuble», sagte Schnappauf. «Das heißt also, die Industrie zieht den Karren raus aus der Krise.»

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte jüngst erklärt, er traue der deutschen Wirtschaft ein Wachstum von «weit über zwei Prozent» zu. Offiziell liegt die Regierungsprognose noch bei 1,4 Prozent.

Die aktuelle Wirtschaftslage beurteilten die vom ZEW befragten Finanzexperten im August allerdings deutlich besser als im Juli. Der entsprechende Index stieg um 29,7 Zähler auf 44,3 Punkte. Die Konjunkturerwartungen für den Euro-Raum legten um 5,1 Punkte auf 15,8 Zähler zu. Die Bewertung der aktuellen Lage verbesserte sich um 13,5 auf minus 13,0 Punkte.