Köln (dpa) ­ Die Computerspiel-Branche macht Verrenkungen ­ im doppelten Sinne. Auf der Gamescom (18. bis 22. August) setzen die Hersteller einerseits auf Bewegung aller Art - an den Ständen wird dank neuer Steuersysteme gekickt, geboxt und getanzt.

Andererseits verrenkt sich manche Industrie-Größe verbal: Familien seien wichtig, klar. Aber die Kernzielgruppe wolle man natürlich nicht vergessen. Computerspiele hatten lange Zeit eine relativ fest umgrenzte Zielgruppe: jung, männlich, schießfreudig ­ letzteres zumindest am Bildschirm. Doch diese Beschreibung trifft längst nicht mehr auf alle Spieler zu. Jeder vierte Deutsche (24 Prozent) ab 14 Jahren spielt laut einer Studie der Universität Hohenheim mittlerweile, unter den Frauen sind es immerhin 19 Prozent. «Computer- und Videospiele werden erwachsen», heißt es in der Untersuchung.

Gerade Nintendos Wii hat in den vergangenen Jahren dank ihrer bewegungsempfindlichen Steuerung neue Zielgruppen erschlossen. So tanzt die Tochter vor der Mattscheibe, die Oma macht im Seniorenheim einen virtuellen Kegelabend, und Mama übt mit der Konsole Yoga. «Die Einstiegshürde für Computerspiele wird weiter sinken», meint Olaf Wolters, Chef des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Der BIU ist Mitveranstalter der Gamescom.

Microsoft und Sony haben mit ein paar Jahren Verzögerung auf diesen Konsolen-Trend reagiert. Die Amerikaner bringen im Herbst Kinect heraus ­ eine Steuerung, bei der das Spielgeschehen komplett über Kamera und Mikrofon bestimmt wird. «Die technische Krücke, die einige abgeschreckt hat, ist weg», sagt Oliver Kaltner, Deutschland- Chef der Xbox-Sparte. Das sollen auch die Spieler in Köln ausprobieren können. Microsoft hat 1500 Quadratmeter Platz ­ drei Mal so viel wie im Vorjahr. Im Weihnachtsgeschäft will das Unternehmen Kinect-Konsolen zum Ausprobieren in Einkaufszentren und Elektromärkten aufstellen.

Sonys neue Wunderwaffe sieht aus wie Stab mit einem Tischtennis- Ball vorne dran und heißt Move. «Es ist eine großartige Chance, über den sozialen Aspekt des Spielens neue Zielgruppen zu erschließen», sagt Andrew House, Europachef der Spielesparte. In der Werbung zeigen die Japaner darum fröhliche Menschen, die virtuell Bogen schießen oder einen Tennisschläger schwingen. Gleichzeitig schießt sich Sony auf das Konkurrenz-Produkt von Microsoft ein: Move sei präziser und biete ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis, sagt House. Ein Zeichen dafür, wie scharf der Wettbewerb ist.

Insgesamt gehe es darum, sich an die Lebensgewohnheiten der Menschen anzupassen, sagt John Buchanan, Manager des Softwareherstellers Electronic Arts. «Man muss ihren Interessen entgegenkommen, überlegen, in welcher Situation sie überhaupt Zeit dazu haben und bereit sind, zu spielen.»

Doch die Industrie-Größen betonen: Die typischen Spieler sind weiter wichtig ­ nicht zuletzt, weil sie mehr Geld für neue Titel ausgeben. Und so kommt jede Ankündigung mit einem «Aber» oder einem Zusatz. Kinect geht bald an den Start, aber es gibt bald auch eine Fortsetzung des Strategiespiels «Age of Empires». Für Move gibt es Tanzspiele, aber auch eine Version des Ego-Shooters «Killzone 3», die in Teilen mit Gesten gesteuert wird.