Salzburg (dpa) - Mit elementarer Wucht bricht dieses Triebwesen über den fassungslosen jungen Mann herein. Wäre da der allerhöchste Baum und würde Hippolytos eilends bis in den Wipfel klettern - es gäbe kein Entrinnen vor Phädra in diesem Moment, da sie dem Stiefsohn ihre leidenschaftliche Liebe gesteht. Nein: aufdrängt, sie ihm entgegenschleudert und ihn beinah zermalmt.

Für solche Szenen hat der deutsche Regisseur, Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann, für Racines «Phädra» noch einen Choreographen, Ismael Ivo, beschäftigt. Es ist starkes Körper-Theater, wenn Phädra (Sunnyi Melles) dem Hippolytos (Philipp Hauß) das Hemd vom Leib reißt, sich an seiner Hose zu schaffen macht, ihn schlangenartig umschlingt. Das ist mehr Vergewaltigung als Liebesgeständnis.

Das Premierenpublikum bei den Salzburger Festspielen nahm die Aufführung am Mittwoch im Landestheater mit einhelligem Jubel auf. Nach dem «Ödipus» mit Klaus Maria Brandauer ein weiterer Antikenstoff als großes Schauspielertheater in diesem Festspielsommer.

Phädra ist die zweite Frau von Theseus, Hippolytos der Stiefsohn. Theseus selbst ist unterwegs, Heldentaten vollbringen. Eine sexuell aufgereizte Atmosphäre herrscht am Hof des schließlich sogar tot gemeldeten Theseus. Mit dieser Nachricht kommen fatale Dinge in Gang, Phädra schnappt sich augenblicklich den Stiefsohn. Aber da kommt zur Unzeit Theseus zurück. Phädra dreht den Spieß um, Hippolytos wird der Liebe zur Stiefmutter bezichtigt. Theseus fackelt nicht lange und fragt nicht viel. Er rast, verbannt den Sohn, bittet Neptun zum Rachewerk. Die Tragödie nimmt ihren tödlichen Lauf.

Erstaunlich: Der Barock-Dramatiker Jean Racine (1639-1699) geht frontal los auf die Sexualität als Trieb-Element. Freud erscheint vorweggenommen. Ein anderes Thema ist die Sprachlosigkeit um Sexualität. Ach würde doch einer Theseus reinen Wein einschenken! Aber alle glauben schweigen zu müssen und sprechen nicht aus, was Sache ist.

Kein historischer Firlefanz, sondern präzises, heutiges Theater in der Salzburger Festspielaufführung (einer Koproduktion mit dem Burgtheater), für die Johannes Schütz ein beeindruckendes «Nicht- Bühnenbild» geschaffen hat: Eine riesige Drehwand im Bühnen-Rahmen, auf einer Seite schwarz, auf der anderen weiß. Schütz' Kostüme sind klassisch-elegant; nichts lenkt vom präzis gesprochenen Wort ab.

Sunnyi Melles als Phädra: ein Naturereignis. Diese unterdrückten Schreie, dieses exaltierte Wimmern nach Liebes-Erfüllung. Wenn sie die spindeldürren Arme hochreißt, die Finger spreizt, ist sie Hysterikerin und Tragödin, Mitleid Heischende und mannstolle Femme fatale in einem.