Münster (dpa) - Die Angst vor Google und seinem Internetdienst Street View ist nach Ansicht eines Experten typisch deutsch. «Da ist sozusagen ein ideologischer Knopf angebracht, den man nur zu drücken braucht».

Das sagte Prof. Guido Sprenger vom Institut für Ethnologie an der Universität Münster am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. «Die Deutschen haben große Angst vor dem Verlust der Privatsphäre, das ist hier viel stärker ausgeprägt als zum Beispiel in England und Frankreich.» Hinzu komme die Erfahrung mit Diktatur und staatlicher Überwachung. «Die Erinnerung hängt noch sehr stark mit drin.»

Während Google Street View in anderen europäischen Ländern ohne größere Probleme eingeführt worden sei, reagierten die Deutschen eher misstrauisch. «Wenn wir uns heute über Google Sorgen machen, dann hat das mit unserer Kultur zu tun», erklärte Sprenger. «Und die Geschichte ist Teil unserer Kultur.» Die Gesellschaft werde hierzulande oft als bedrohlich empfunden. «Diese Angst hat sich früher auf den Staat konzentriert und geht jetzt immer mehr auf kommerzielle Anbieter über», sagte Sprenger.

Die Debatte um Google Street View sei vergleichbar mit der Diskussion um die Volkszählungen in den 80er Jahren. «Damals wurde angenommen, der Staat sammelt persönliche Daten», sagte der Ethnologe. «Diese Ängste waren aber relativ vage.» Rational zu begründen sei das Misstrauen der Deutschen nur selten. «Es geht nicht um die Öffentlichkeit, sondern um den Kontrollverlust.»

Dass viele Bundesbürger in Online-Netzwerken wie Facebook oder studiVZ gleichzeitig ganze Fotoalben von ihren Häusern und Wohnungen veröffentlichen, ist für den Wissenschaftler daher kein Widerspruch. «Das ist eine freiwillige Öffentlichkeit», meinte Sprenger. «Es ist Ausdruck meines freien Willens und meines individuellen Daseins.»

Der Konflikt zwischen den beiden Werten Individuum und Gesellschaft ist nach Einschätzung des Experten in Deutschland besonders ausgeprägt. Gerade Google berge dabei Konfliktpotenzial. «Einerseits agiert das Unternehmen wie der Staat im öffentlichen Raum, andererseits hat es wie eine Privatperson den eigenen Vorteil im Auge.»

Was sich in anderen europäischen Ländern durchgesetzt hat, wird sich seiner Ansicht nach aber auch in Deutschland etablieren. «Die meisten Leute werden sich einfach daran gewöhnen. Das ist eine modische Aufregung, die sich nicht lange halten wird,» sagt der Wissenschaftler. «Das Risikobewusstsein bezüglich der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem wird aber bleiben.»