Bayreuth (dpa) - Wenn die dramatischen Sänger für Wagner rar sind, braucht man einen anderen Hauptdarsteller: Auftritt Christian Thielemann. Der Dirigent ist angesagter denn je beim Publikum der Bayreuther Festspiele - es dürfte ein Jahr nach seinem Geschmack sein.

Beratervertrag mit der Festspielleitung, die 100. Vorstellung auf dem «Grünen Hügel» absolviert und die fünf Jahre alte «Ring»-Inszenierung von Tankred Dorst mit viel Schwung der Routine entrissen. Auch nach der Premiere der «Götterdämmerung», Schlusspunkt des «Rings», sind Beifallsstürme der Lohn für ihn und das glänzend aufgelegte Festspielorchester.

In diesem Fall muss der künftige Chefdirigent der Dresdner Semperoper den Applaus allerdings mit dem Tenor Lance Ryan teilen. Schon als rothaariger Held in der Titelpartie des «Siegfried» hatte Ryan mit seinem Elan die Herzen der Premierenbesucher erobert. In der «Götterdämmerung» stellt er Siegfried als eine Art Hinterwäldler, aber dafür zupackend und ungestüm dar.

Sängerisch dagegen belegt er eher die Bayreuther Nöte - seine Stimme mit ihrem grellen und harten Klanggepräge ist für Wagner eigentlich zu klein. Ryan muss an seine Grenzen gehen, teilweise auch darüber hinaus. Er singt keine gebundene Linie, sondern gestemmte, isolierte Einzeltöne. Dafür setzt er sich aber auch selbstironisch in Szene, wenn er sich auf der Jagd hinter einem grünen Zweig verbirgt oder komisch verzweifelt auf Brünnhildes (Linda Watson) Anklagen reagiert - großartig.

Großen Applaus bekommen auch die übrigen Sänger. Eric Halfvarson gibt einen überzeugend böse-knorrigen Hagen mit manchmal dröhnender Bassstimme, dafür ist er meilenweit entfernt vom legendären und perfekt gesungenen Belcanto-Hagen von Karl Ridderbusch - durch den zumindest die älteren Bayreuth-Besucher in der Vergangenheit erleben konnten, wie schön Wagners Musik auch sein kann. Der vielleicht größte Wagner-Bariton, Friedrich Schorr (1889-1953), sagte einmal: «Wenn ich Wagner singe, versuche ich, die Phrasen zu binden, wie ich es auch bei Verdi tue.»   

Linda Watson singt eine temperamentvolle Brünnhilde, zwar mit schrillen und zitternden Tönen in der Höhe, aber sie lodert mit dem verzehrenden Feuer, in dem Brünnhilde schließlich aufgeht. Christa Mayer ist eine eindrucksvolle Waltraute, Edith Haller mit blühendem Ton eine gelungene Gutrune. Andrew Shore gibt einen keifenden Alberich - was zu der Rolle passt.

In den Beifall für den Regisseur Dorst mischen sich auch Buhrufe. Seine Inszenierung bleibt umstritten, lebt aber von den starken Bühnenbildern von Frank Philipp Schlößmann. Dorst stellt der Welt der Götter und Helden eine Luxusgesellschaft gegenüber, die Halle von König Gunter ist ein Hotel, in dem man Champagner trinkt und ein Knabe golden bemalt wird. Als die Götterwelt untergeht, flüchten die Gäste aus dem Hotel, kehren aber später zurück und schauen in die Flammen. Auch nach dem Ende der Götter geht also das Leben weiter - tröstlich zu wissen.