Berlin (dpa) - «Nach einem Sinn suchen? Ich versteh's nicht.» Es ist eine der letzten Äußerungen von Christoph Schlingensief im Endstadium seiner Krebserkrankung, der er am Samstag in Berlin im Alter von 49 Jahren erlag.

Im Oktober wäre er 50 geworden, dann sollten seine Memoiren erscheinen. Dabei ist der Theater-, Film- und Opernregisseur ein Künstlerleben lang dem Rat seines Jugendfreundes Helge Schneider gefolgt, «tief in deiner Seele nach deinen Ängsten zu suchen». Das führte Schlingensief schließlich sogar, von Wolfgang Wagner gerufen, auf den legendären Grünen Hügel in Bayreuth.

Dort gab das Enfant terrible der deutschen Kulturszene (das Etikett konnte er nicht leiden) 2004 sein spektakuläres Operndebüt mit «Parsifal», Richard Wagners «Weltabschiedswerk». Die Erlösungsthematik in vielen Wagner-Werken hat den Katholiken und früheren Oberhausener Messdiener, der mit dem Papst und der Amtskirche haderte und Gott auch als einen «Gescheiterten Künstler» ansah, stets fasziniert. Seiner Meinung nach hatte der Anfang 2008 bei ihm, einem Nichtraucher, entdeckte Lungenkrebs in Bayreuth seinen Ursprung. Im Mai 2010 sagte Schlingensief in einem Interview, er wisse seit einigen Monaten, dass er neue Metastasen habe. Durch den Krebs sei «alles in den Boden gerissen worden».

Dabei war er voller Pläne. Überraschend für die Kunstwelt war dem zuletzt in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden Schlingensief sogar die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale in Venedig 2011 übertragen worden. An der Pressekonferenz zur Vorstellung seiner Pläne hatte er Anfang Juli 2010 in Frankfurt am Main aber schon nicht mehr teilnehmen können. Auch eine Produktion für die Ruhrtriennale («S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken») musste er absagen. In einem Brief an sein Team nannte er als Begründung «neue Befunde» in seinem Krankheitsfall, «ein paar harte Neuigkeiten».

Christoph Schlingensief wurde, wie es ein Kritiker schrieb, von den einen als «nervtötender oder auch begnadeter Selbstdarsteller» und von den anderen als «Lichtgestalt unter all den Energiesparlampen» in der Kulturszene angesehen. Seine Visionen und Kunstvorstellungen erinnerten manchmal an den Aktionskünstler Joseph Beuys (1921-1986) und dessen «erweiterten Kunstbegriff». Er war auch eines der großen Vorbilder des Regisseurs. Schlingensief hat wie nur wenige die deutschsprachige Film- und Theaterwelt provoziert und beflügelt.

Seine Krebserkrankung verarbeitete er auch auf der Bühne. Produktionen wie «Mea culpa» oder «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir» am Wiener Burgtheater und bei der Ruhrtriennale fanden 2008 und 2009 große Beachtung. 2009 veröffentlichte er sein bewegendes «Tagebuch einer Krebserkrankung», mit dem er auch auf Lesereise ging. Noch in diesem Mai inszenierte er das Opernprojekt «Via Intolleranza II» nach Luigi Nono in Brüssel und anderen Orten.

Schlingensiefs letzter Traum aber hieß Afrika mit einem eigenen «Festspielhaus» in Burkina Faso. Im Februar 2010 legte er den Grundstein dazu, sprach zuletzt aber lieber von einem «Operndorf», das kein «abgehobenes Bayreuth» werden sollte.