Bochum (dpa) - In der Bochumer Jahrhunderthalle herrscht Krieg: Die Sitzreihen der Besuchertribünen vibrieren unter Geschützdonner und knatternden Maschinengewehr-Salven, Granaten sausen, grelle Blitze zeugen von Einschlägen.

Wie großes Hollywoodkino beginnt die Eröffnungspremiere der RuhrTriennale mit einem Feuerwerk technischer Effekte. Tonnen von feinstem weißem Sand bedecken den Boden der Bühne, die sich unendlich weit in die Tiefe des gewaltigen Raums der ehemaligen Industriehalle erstreckt.

Ein gestrandeter Tanklaster liegt vorne quer, später wird er von der Drehbühne bewegt oder in den Bühnenhimmel gezogen, wo er lange drohend hängt. Große, ästhetische und sehr saubere Bilder (Bühne: Wolfgang Gussmann) für einen heutigen, schmutzigen Krieg im Nirgendwo eines Wüstenlandes, irgendwo zwischen Irak und Afghanistan.

Wenn die Waffen endlich schweigen, bleibt ein tödlich Verwundeter zurück. «Salam» (Aleksandar Radenkovic) blättert fiebernd in einem zerfledderten Büchlein, das ihn offenbar schon lange durch diesen Krieg begleitet. Es ist Nizamis altpersisches Epos «Leila und Madschnun» aus dem 12. Jahrhundert, die berühmteste Liebesgeschichte des islamischen Kulturkreises. Nizamis uralter Text erzählt von einer unmöglichen Liebe, die mystisch empfunden und radikal gelebt wird. Der große Liebende - «Madschnun» - ist ein Verrückter und wird zum blindwütigen Zerstörer.

«Leila und Madschnun» ist so etwas wie ein orientalisches Pendant zu «Romeo und Julia» und «Tristan und Isolde», eine Geschichte, die in der islamischen Welt jedem geläufig ist. Nizamis Epos ist vor allem große Poesie. Und als Bühnenstoff ziemlich sperrig. Jedenfalls in der steifen und pathetischen Textfassung, die Albert Ostermaier aus der Dichtung gemacht und mit einer aktualisierenden Rahmenhandlung versehen hat, die den verwundeten Salam die Handlung fiebernd erträumen lässt.

Mit einer «Tristan»-Vertonung hat Regisseur Willy Decker sich 2007 als Intendant der RuhrTriennale empfohlen, als er mit Erfolg Frank Martins Oper «Le vin herbé» inszenierte. Nun ist er schon in seiner zweiten Spielzeit als Festival-Chef und hat als übergreifendes Thema die Erkundung der Verbindungen von Kunst und Spiritualität und die Suche nach dem tiefsten Impuls des Religiösen bestimmt. Unter dem Motto «Wanderung ­ Suche nach dem Weg» soll diese Saison um die Erforschung des Islam kreisen.

Doch «Leila und Madschnun» hinterlässt ratlos und trotz allem Getöse seltsam kalt. Denn Albert Ostermaier gelingt es nicht, aus dem Epos ein funktionierendes Theaterstück zu machen. Es ist vielmehr eigentlich ein einziger, quälend langer Monolog, der sich nicht mit Theaterleben füllen will. Aleksandar Radenkovic meistert diese Herkules-Aufgabe mit bemerkenswerter Kondition und höchstem Einsatz, dennoch bleibt seine Figur diffus. Und Willy Deckers Regie hat dem steifen Text wenig entgegenzusetzen. Sein Handwerk ist solide: klare Personenführung, souveräne Massen- und Chorchoreographie, edle Bilder in dezenten Farben. Doch die sorgsam arrangierten Tableaus bleiben betulich und letztlich starr.