Berlin (dpa) - In seiner ersten Regierungserklärung vor dem scharfen Start in die EM-Qualifikation will Joachim Löw nicht nur die Kapitänsfrage klären, sondern nach der brisanten Ballack-Personalie weitere Pflöcke für die nächsten zwei Jahre einschlagen.

Grundsätzliche Äußerungen zu mehreren zukunftsweisenden Themen kündigte der Bundestrainer am Rande des 2. Bundesliga-Spieltages den deutschen Fans an. Einen Hinweis für die neuen Richtlinien gab Löw schon vorab. Die Leithammel-Kultur mit einem starken Anführer hat im DFB-Team keine Zukunft mehr. «Ich möchte gern viele Kapitäne haben in der Mannschaft, so wie es auch bei der WM war. Wo verschiedene Leute die Verantwortung übernehmen», betonte der Chefcoach.

Seinen langjährigen «Capitano» Michael Ballack hat Löw mit Hinweis auf dessen noch nicht optimale Fitness für die ersten beiden Qualifikations-Partien zur Fußball-EM 2012 nicht berufen, doch im Kapitäns-Duell ist der 33-Jahre entgegen anderer Prognosen noch im Rennen. «Klar wäre der Michael auch gern dabei gewesen. Jeder Spieler kommt gern zur Nationalmannschaft. Aber er hat auch eingesehen, dass er noch nicht seine volle Leistungsfähigkeit besitzt», sagte der Bundestrainer in der ARD-Sportschau.

Viel Zeit hat Löw nicht für seine Erklärung ans Fußball-Volk, das mit Spannung dem Machtwort 'Ballack oder doch WM-Kapitän Philipp Lahm' sowie der neuen Entscheidung um die Nummer 1 im Tor entgegensieht. Am 31. August treffen sich die 21 berufenen Spieler, darunter 17 der 23 WM-Fahrer, in Frankfurt. Danach reist der DFB-Tross nach Brüssel, wo am 3. September das erste EM-Ausscheidungsspiel gegen die nicht zu unterschätzenden Belgier stattfindet. Vier Tage später muss Löw mit seinem Team in Köln gegen das von Ex-Bundestrainer Berti Vogts gecoachte Aserbaidschan antreten.

Auch weil Löw das Sportliche als primär einordnet, ist für ihn die Kapitäns-Frage «völlig überzogen». Ein Trainer müsse sich vorrangig mit anderen Dingen befassen: Eine Demontage von Ballack durch die Diskussion um dessen Comeback und Kapitäns-Rolle sieht Löw nicht: «Der Michael steht nach wie vor in den Medien, in Fußball- Fachkreisen hervorragend da.»

Wegen einer schweren Fußverletzung hatte Ballack die WM verpasst. Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger konnten in Südafrika auf der Ballack-Position im zentralen Mittelfeld überzeugen. Wie Lahm als Kapitän will auch der Neu-Madrilene Khedira seinen WM-Platz für Ballack nicht mehr freiwillig räumen. «Wenn ein junger Spieler äußert, dass er spielen will, ist das völlig legitim. Damit muss jeder bei uns in dem Geschäft leben können», sagte dazu Löw.

Viele Spieler von Schweinsteiger über Heiko Westermann bis zu Cacau halten die überhitzte Ballack-Diskussion für überflüssig. «Ballack infrage zu stellen, ist unfair», betonte der Stuttgarter Cacau in der «Welt am Sonntag». Und der ehemalige Leverkusener Trainer Christoph Daum wittert gar eine «Kampagne» oder «inszenierte Geschichte» gegen Ballack. «Michael war stets ein unbequemer Spieler. Vielleicht wurden einfach nur ein paar alte Rechnungen beglichen», sagte Daum im «Express».