Berlin (dpa) - Als hätten sie sich abgesprochen. Kanzlerin Angela Merkel in der ARD und Vizekanzler Guido Westerwelle im ZDF teilen den Bürgern mit, worüber seit Wochen spekuliert und gestritten wird. 10 bis 15 Jahre sollen die deutschen Atomkraftwerke länger am Netz bleiben.

Bis mindestens ins Jahr 2035 würde demnach die «Atom-Brücke» reichen. Das zentrale Argument: Nur so sei beim Übergang ins Ökostrom-Zeitalter die Versorgungssicherheit gewährleistet. Doch der Koalitionskompromiss steht auf wackligen Füßen.

Die Opposition schäumt, weil das für das Atom-Votum entscheidende Gutachten tendenziös sei. Und da der Bundesrat umgangen werden soll, dürfte letztlich das Bundesverfassungsgericht über die Zukunft der Atomkraft in Deutschland das letzte Wort haben.

Am Wochenende sickern zunächst erste Details aus der Experten-Berechnung unterschiedlicher Atom-Laufzeiten durch. Für Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) steht rasch fest: Bei Szenarien von 12 oder 20 Jahren längeren Laufzeiten gebe es den größten wirtschaftlichen und klimapolitischen Nutzen.» Zu diesem Zeitpunkt gibt es aber noch keine Einigung mit dem Umweltministerium über die Abschlussfassung des Gutachtens.

Während der Wert der Gutachten je nach Interpretation als klares Bekenntnis für deutlich längere Laufzeiten oder als nutzloser Stapel Papier in Koalitionskreisen bewertet wird, nennt Merkel am Sonntag als ihre Schlussfolgerung aus dem Gutachten in der ARD erstmals eine konkrete Zahl: «Fachlich 10 bis 15 Jahre ist vernünftig».

Noch deutlicher noch wird Westerwelle im 40 Minuten später ausgestrahlten ZDF-Interview: «In der Diskussion gewesen ist ein Korridor zwischen zehn und 15 Jahren und ich sage Ihnen voraus, in dieser Größenordnung wird es auch beschlossen werden.»

Doch auch wenn die Häuptlinge diese Richtschnur nun vorgeben, sicher sind 10 Jahre plus X nicht. Durch die schwarz-gelbe Koalition geht ein tiefer Riss zwischen Wirtschafts- und Umweltpolitikern. Besonders die Union ist gespalten zwischen grün angehauchten Politikern und Atombefürwortern vor allem aus dem Süden, wo die Mehrzahl der Kernkraftwerke steht.