Zürich (dpa) - Glück ist schwer definierbar. Es ist kaum zu fassen, flüchtig wie der Augenblick und manchmal - wenn überhaupt - erst im Nachhinein erkennbar. In sieben Erzählungen setzt sich Bernhard Schlink («Der Vorleser») damit auseinander.

Und wie der Titel seines neuen Buches «Sommerlügen» bereits verrät, ist Glück oft auch Illusion. Es geht um Menschen, die sich etwas vorgemacht haben oder es immer noch tun. Männer und Frauen, die sich selbst in die Tasche lügen und sich dessen mitunter sogar bewusstwerden.

Es sind bewegende Geschichten und manche so realitätsnah, dass man meint, sie selbst erleben zu können. Schlinks Schicksale handeln etwa von einem einsamen Mann, der im Urlaub seine große Liebe trifft, mit ihr gemeinsame Zukunftspläne schmiedet und dann zu Hause von der Erkenntnis überrascht wird, dass er an seinem Leben eigentlich nichts ändern will. Oder von einem krebskranken Mann, der im Kreise seiner Familie seinem Leben ein Ende setzen will, wenn er die Schmerzen nicht mehr aushalten kann - ohne allerdings seine Frau oder seine Kinder in sein Vorhaben einzuweihen.

Eine andere Geschichte erzählt von einem Schriftsteller-Ehepaar, das sich in ein einsames Haus im Wald zurückzieht. Sie findet die Ruhe, um Bücher zu verfassen, er das Glück als Hausmann und Vater. Doch als der Erfolg seiner Frau die trügerische Idylle zu (zer)stören droht, geraten seine Bemühungen, alles so zu belassen wie es ist, zur Besessenheit. Für einen anderen Mann ist ein Film die Initialzündung, endlich die Liebe zu seinem Vater zu finden, die dieser ihm sein Leben lang versagt hat. Eine gemeinsame Reise bringt nicht den gewünschten Erfolg, nur eine bittere Erkenntnis.

Anrührend und authentisch ist Schlink die Episode gelungen, in der eine alte Frau von heute auf morgen feststellt, dass sie ihre Kinder nicht mehr liebt. Sie erkennt, dass die wohlgeordnete Welt, die sie um sich und ihre Familie aufgebaut hat, jenseits des Glücks liegt, das sie sich einmal erträumt hat. Es geht also nicht nur um die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Eltern und Kindern. Und diese Geschichten sind am überzeugendsten.

Bei allen Erzählungen bleibt das Ende offen, nicht ohne Hoffnung, aber überwiegend melancholisch. Hat der deutsche Erfolgsautor in «Sommerlügen» wieder einmal Glück und Liebe oder die Sehnsucht danach zum Thema gemacht, so zeigt sich schon bald, dass beide weder zwangsläufig miteinander verbunden sind, noch vor Irrwegen, Lebenslügen und Selbstbetrug schützen. Die Vielschichtigkeit der Gefühle offenbart Schlink mit so viel Sensibilität und Menschenkenntnis, dass der Schluss naheliegt: Der Schriftsteller spricht aus eigener Erfahrung.

Und das ist das Bemerkenswerte daran: Einige seiner Männerfiguren entsprechen so gar nicht dem maskulinen Prototyp. Sie sind sehr gefühlsbetont, lassen sich von Frauen dominieren, sind unentschlossen, ja auch schwach. Manche seiner weiblichen Protagonisten hingegen erweisen sich als absolutes Pendant: selbstbewusst und -bestimmt, eigenwillig, resolut und stark. Wie Schlink auf diese Neuordnung der Geschlechterrollen gekommen ist, sei dahingestellt, erinnert jedoch auch an den «Vorleser». Nur ist sie in den «Sommerlügen» nicht immer ganz überzeugend. Das Ergebnis insgesamt aber unbedingt.