Salzburg (dpa) - Es war die ganze Oper hindurch zu ahnen: Hinter dem schweren Eisentor, das den windschiefen Palast-Innenhof abschließt, befindet sich die weiß gekachelte Hof-Schlachtkammer.

Ganz am Schluss geht das Tor auf, und da hängt die ermordete Klytämnestra mit dem Kopf nach unten am mächtigen Fleischhaken. Ist sie Schlachtschwein oder Opfertier? Das lässt Regisseur Nikolaus Lehnhoff (71) offen. Die Inszenierung der «Elektra» von Richard Strauss ist die letzte große Opernpremiere bei den Salzburger Festspielen 2010. Bei der Premiere am Sonntagabend im Großen Festspielhaus brandet Jubel wie selten auf, nachdem Dirigent Daniele Gatti die letzten Akkorde hatte hinausknallen lassen. Die Wiener Philharmoniker lassen einen Strauss hören, wie er wienerisch-süffiger nicht sein könnte. Nicht der expressiven «Salome» steht die «Elektra» in Gattis Deutung nahe, sondern eher den späteren Strauss-Opern.

Streiten lässt sich darüber, ob Gatti - der sich als Einziger auch das ein oder andere Buh anhören musste - über all dem üppig sich aufplusternden melodischen Charme der Partitur nicht doch härtere Zwischentöne schuldig bleibt. Aber so griffig, charmant und geschmeidig wissen nur die Wiener Philharmoniker Strauss zu musizieren, auch auf hohem dynamischen Pegel. Sie wirken geradezu über-engagiert, weil Gatti genau diesen Tonfall von ihnen haben will.

Die Schwedin Iréne Theorin debütiert in der Titelrolle der von selbstzerstörerischer Rache und Mutterhass getriebenen Elektra. Auch wenn die Zuschauer sie bejubeln, hatte sie doch sängerisch zu kämpfen: Wenn sie aufdrehen darf, wenn Dramatik gefordert ist, dann ist die Schwedin voll da. Im lyrischen Bereich allerdings wirkt die Stimme wenig tragfähig und auch wenig charakteristisch. Dass hat wenig mit dem Orchestervolumen und auch nicht mit dem mausgrauen Outfit der auf Zombie geschminkten Elektra zu tun. Es fehlt Theorin an stimmlichem Charisma und ganz erheblich an Textverständlichkeit.

Das fällt doppelt auf, weil die Gegenspieler überaus stark sind. Waltraud Meier ist eine Klytämnestra ohne die Züge einer Erzschurkin. Man glaubt ihr aufs deutlich gesungene Wort, dass sie an einer Aufarbeitung der misslichen Seelenlage nach dem Gattenmord ehrlich interessiert wäre. Das ist ein plausibles Psychogramm. Die niederländische Sopranistin Eva-Maria Westbroek dreht als Chrysothemis mächtig auf: Sie steht für Befreiung von Altlasten und für Vergessen, sie will Kinder haben und leben, mit wem und wie auch immer - der Gegensatz eben zu ihrer Schwester Elektra, die verbiestert die Aufarbeitung der Vergangenheit einklagt.

René Pape tritt als Orest mit sonorer Stimm-Macht an zur tatkräftigen Vergangenheitsbereinigung, zum Mord an Klytämnestra und ihrem neuen Mann Aegisth (Robert Gambill). Als ungeschickt daherstolpernden Dandy lässt Lehnhoff diesen Aegisth auftreten. Im Licht beim Schlussapplaus sieht man, dass er einen Hitler-Schnauzbart aufgeklebt hat. Auch Klytämnestra und ihre beiden Begleiterinnen passen in ihren Kostümen in die NS-Zeit. Was genau Nikolaus Lehnhoff aber damit sagen will, bleibt offen.

Raimund Bauer baut ein windschiefes Gemäuer auf die Bühne, das von vielen Fenster- und Türöffnungen durchbrochen wird. Allein die untote Elektra kommt da nicht raus, sie steht vor einem schweren Eisentor, das eines Bunkers würdig wäre. Dahinter versteckt sich die Altlast der Geschichte.