Paris (dpa) - Eineinhalb Monate nach der französischen Blamage bei der Fußball-WM bricht auch der damalige Team-Kapitän Patrice Evra sein Schweigen. «Die WM war ein wahrer Alptraum», sagte Evra im Interview mit der französischen Zeitung «Le Figaro».

Wie andere «Bleus»-Spieler vor ihm ging auch der 29-Jährige mit WM-Trainer Raymond Domenech hart ins Gericht: «Es gab (bei der WM) überhaupt keinen Dialog mehr mit dem Coach.» Man habe «das Wichtige vergessen». «Wir haben nämlich mehr über die Probleme des Alltags (in Südafrika) als über den Fußball gesprochen», so der Profi von Manchester United. Evra macht aber auch sich und seine Kollegen um FC-Bayern-Star Franck Ribéry für die Pleite mit dem Aus nach der WM-Vorrunde inmitten von Affären und Querelen verantwortlich.

Evra verriet, dass die Spieler um Ribéry und Rekordtorjäger Thierry Henry Domenech schon vor dem Testspiel gegen Costa Rica darum baten, mehr Anweisungen zu geben. «Daraufhin hat er sich angegriffen gefühlt. Er hat jeden Meinungsaustausch abgelehnt», erzählte der linke Außenverteidiger. Kameraden hätten sich bei ihm, dem Kapitän, «nach jedem Training beschwert», weil es kaum taktische Arbeit gegeben habe. Er selbst habe die Verbannung von Henry auf die Bank, die plötzliche Änderung des Spielsystems beim WM-Auftakt gegen Uruguay (0:0) sowie die kurze Einsatzzeit des offensiven Mittelfeldmannes Florent Malouda überhaupt nicht verstanden.

Domenech trage aber nicht die ganze Schuld. «Wir Spieler, ich allen voran, hätten mehr geben müssen. Die Hauptverantwortlichen standen auf dem Rasen», räumte er ein. Auch der Trainingsboykott im WM-Quartier in Knysna sei ein Fehler gewesen. «Wir hätten unsere Unzufriedenheit mit dem Ausschluss von Nicolas Anelka anders zeigen müssen». Anelka sei von der Arbeit von Domenech so genervt gewesen, dass er schon vor WM-Beginn die «Équipe tricolore» habe verlassen wollen. Evra bat die Fans um Verzeihung, betonte aber, er sei stets ehrlich geblieben.

Evra will nun alles vergessen. «Man muss an die Zukunft denken», sagt er. Er sei deshalb sehr überrascht, dass der FFF-Verband den Trainingsboykott untersucht und ihn, Anelka, Ribéry, Jérémy Toulalan und Éric Abidal in diesem Zusammenhang befragt habe. «Ich dachte, wir wollten ein neues Kapitel beginnen.» Die Entscheidung des neuen Nationaltrainers Laurent Blanc, die 23 WM-Fahrer für das erste Freundschaftsspiel am Mittwoch in Oslo gegen Norwegen zu sperren, sei unterdessen korrekt. «Sie zeigt aber, dass es (in Südafrika) nicht fünf oder sechs 'Bandenführer' gegeben hat», so Evra.