Frankfurt/Main (dpa) - Es ist noch früh am Abend, doch die Holztische in der Gaststätte «Zu den drei Steubern» sind schon voll besetzt. Lautes, aber entspanntes Stimmengewirr erfüllt die Apfelweinwirtschaft in Frankfurt-Sachsenhausen.

«Heute hat der Wirt ein neues Fass angezapft», sagt Andreas Maier. Der Schriftsteller kennt die Qualitäten seines Stammlokals. Er keltert selbst und weiß, was guter «Ebbelwoi» ist. Maiers Vorliebe für das hessische Nationalgetränk ist auch ein Schlüssel zum Werk des 42-Jährigen, der zu den eigenwilligsten Autoren seiner Generation gehört.

Maier, im mittelhessischen Bad Nauheim geboren und wenige Kilometer entfernt in Friedberg aufgewachsen, hat sich in seinen Büchern immer mit seiner Heimat auseinandergesetzt. Oder besser gesagt: Er arbeitet sich an ihr ab. «Die ganze Welt, dass man heute hier hinreisen kann und morgen da, ist mir komplett fremd. Ich habe mir noch nicht einmal die eigene Heimat erschlossen», stellt er fest.

Mit «Wäldchestag» wurde er vor zehn Jahren zum «Shootingstar». Nach Romanen wie «Kirillow» oder «Sanssouci», die zumindest in Teilen in seinem Wohnort Frankfurt spielen, hat er jüngst mit dem Band «Onkel J.» sein skurrilstes Buch vorgelegt. Es ist eine wild- anarchische Abrechnung mit seiner hessischen Heimat und seinem Onkel - voll von schwarzem Humor.

Dem Onkel, «Zangengeburt, dürres Kind, geistig zurückgeblieben», verdankt er auch die Liebe zu den (Apfelwein-)Wirtschaften. Und Maier gewinnt durch die Konfrontation mit der Welt des Onkels, der ihm so verhasst war, einen neuen Blick auf seine «Friedhofsheimat». Den Modernisierungswahn mit dem Bau gigantischer Autobahnwelten im Rhein- Main-Gebiet seziert der Autor gnadenlos. Die Wetterau ist für ihn eine einzige «Ortsumgehungsstraße». Dass die Landesgartenschau Bad Nauheim parzelliert, findet Maier ebenfalls schrecklich. «So geht die Heimat langsam zugrunde», schreibt er in einer seiner 23 Kolumnen, die zuerst in einer österreichischen Literaturzeitschrift erschienen.

Aus Österreich kam ein anderer berühmter «Nestbeschmutzer»: Thomas Bernhard. Maier ist mit Bernhards Werk bestens vertraut, verehrt aber noch mehr den Schriftsteller Arnold Stadler («Mein Hund, meine Sau, mein Leben»), der sich ebenfalls mit Ironie und Sarkasmus in seinen Romanen mit der katholisch-dörflichen Heimat - in diesem Fall Oberschwaben - rumschlug. Und was vielleicht verblüfft: Maier ist auch ein großer Fan von Wolf Schmidt, dem «Babba» der «Hesselbachs» und Erfinder der gleichnamigen TV-Familienserie, die zu einem der ersten Straßenfeger in Deutschland wurde.

Mit Schmidt verbindet Andreas Maier die satirische Fabulierlust. Die zornig-absurden Kolumnen voller Zivilisationskritik haben jedoch nichts mit harmlosem Gebabbel zu tun. Der Autor glaubt nicht an Fortschritt - er hält sich aber auch nicht für einen Wertkonservativen. «Vergangenheit heißt für mich nicht, dass es besser war»», sagt der 42-Jährige. «Die Menschen sollten aufhören, immer was zu wollen. Aber sie wollen immer alles neu machen.»