Paris (dpa) - Henri Rousseau wurde lange Zeit belächelt. Die Anatomie seiner Menschen und Tieren war nicht stimmig, auch mit der Perspektive nahm er es nicht immer genau. Die Größenverhältnisse seiner Tiere und Menschen wirken schräg und manchmal taucht ein schief angesetzter Arm auf.

Rousseau hatte zwar versucht, die großen Meister im Louvre zu kopieren, doch vergeblich. Er war Autodidakt und seine Werke «naive Kunst», wie die Fachwelt die Malerei von Laien nennt. Doch der vor 100 Jahren, am 2. September 1910 an einer Blutvergiftung gestorbene Künstler, war alles andere als naiv im Sinne von arglos und leichtgläubig. Denn noch zu Lebzeiten wurde er vom «Zöllner» - wie er wegen seines bürgerlichen Berufs genannt wurde - zu einem bewunderten Avantgardisten und Wegbereiter der Surrealisten.

Rousseau war von seiner Bestimmung als Maler überzeugt - wenn auch über Umwege. Er stammte aus der Arbeiterklasse und wurde in Laval im Norden Frankreichs als Sohn eines Klempners geboren. Seine Eltern lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen, was ihn zwang, sich seinen Traum vom Künstler selbst zu finanzieren. So arbeitete er zunächst bei einem Rechtsanwalt, bevor er eine Stelle beim französischen Zoll annahm - daher sein Beiname Henri Rousseau «Le douanier», Henri Rousseau, der Zöllner.

Sein Werk widersprach allen akademischen Ansprüchen und war seiner Zeit voraus. Beharrlich entwickelte er einen Stil, der ihn zum Maler des «seltsam Befremdlichen», des «Anderen» werden ließ. Seine Werke sind poetische und unbekümmerte Darstellungen persönlicher Wunschträume. Die Surrealisten sahen vor allem in seinen berühmten Dschungelbildern Sinnbilder des Unbewussten und machten ihn zu ihrem geistigen Vater. Sein flacher Bildbau, die Menschen, Tiere und Pflanzen, die er visuell wie Theaterdekors einsetzt, waren eine Vorwegnahme des ästhetischen Konzepts der Surrealisten. Diese machten Rousseau nicht zuletzt auch deshalb zu ihrem Wegbereiter, weil er durch sein unbeirrtes Vertrauen in seine Bestimmung den Feldzug der Avantgarde gegen den Akademismus des 19. Jahrhunderts anführte.

Der französische Schriftsteller und Surrealist André Breton war der Ansicht, dass man mit Rousseau erstmals vom «Magischem Realismus» sprechen konnte. Und Guillaume Apollinaire, der 1917 den Begriff des Surrealismus geprägt hat, nannte ihn den «Uccello unseres Jahrhunderts». Paolo Uccello war ein bekannter italienischer Renaissance-Maler, der wegen seines unkonventionellen Stils von seinen Zeitgenossen «Der verrückte Paolo» genannt wurde.

Rousseau war kaum gereist. Schulbücher sowie das Naturkundemuseum in Paris und das Gewächshaus des Pflanzengartens sollen ihm als Inspirationsquelle für seine paradiesischen Dschungelbilder gedient haben. Dieser Urwald, den er in Paris fand, war ein Ort voller Gefahren, aber auch des Friedens, wo Löwen Antilopen angreifen und Affen Ball spielen und angeln.

Erstaunlich an Rousseau ist nicht nur, dass er unbeirrt an sein Schicksal als Künstler glaubte, sondern auch dem Einfluss der ihn umgebenden Avantgarde immun gegenüber geblieben ist. Pablo Picasso, der ihn ebenfalls bewunderte, vertraute er eines Tages an: «Im Grunde genommen beschäftigen Sie sich mit dem ägyptischen Stil, während ich mich der Moderne widme.»