Bedburg-Hau (dpa) - Energie bestimmt das künstlerische Schaffen von Joseph Beuys. Mit Bleistift, Blut, Wasserfarbe oder Beize forschte er zeichnerisch den physikalischen und geistigen Energieformen nach.

Erstmals beschäftigt sich eine Ausstellung mit dem werkumspannenden Energiegedanken des Düsseldorfer Kunstprofessors (1921-1986). Das Museum Schloss Moyland am Niederrhein mit seinem weltgrößten Beuys-Fundus präsentiert vom 5. September bis zum 20. März 2011 unter dem Titel «Energieplan» 215 frühe Zeichnungen von Beuys seit 1945. Darunter sind auch fast 70 bisher unveröffentlichte Werke.

«Ohne die Zeichnungen wäre Beuys, wie man ihn kennt, gar nicht denkbar», sagt Jean-Christophe Ammann, der ehemalige Leiter des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Zeichnungen bildeten für Beuys, der Kunst immer als gesellschaftliche Verantwortung sah, das Fundament für seine spätere Vorstellung der «sozialen Plastik».

Die neue Museumsdirektorin Bettina Paust hat für die Ausstellung neben Ammann, der Beuys persönlich kannte, die Kunsthistorikerin Nicole Fritz und eine Riege junger Beuys-Forscher zusammengeführt. Sie hatten die schwere Wahl aus rund 5000 Werken. Entstanden ist eine facettenreiche Schau, die den «Kosmos» Beuys erahnen lässt und zu einem tieferen Verständnis seiner oft umstrittenen Installationen beiträgt. So ergänzen sich die Ausstellung im idyllischen Moyland und die große Beuys-Retrospektive «Parallelprozesse», die ab dem 11. September in der Kunstsammlung NRW (K20) in Düsseldorf zu sehen ist, auf geradezu perfekte Weise.

Beuys selbst sah seine Zeichnungen als Experimentierfeld. In zehn Themenräumen sind die Zeichnungen in Moyland gruppiert, vom Aberglauben über Schamanismus, Mythos Tier, Physik und Natur und Christuskraft bis hin zum wichtigen Thema Auschwitz. 1957 hatte Beuys, der im Zweiten Weltkrieg als Luftwaffenflieger abgeschossen wurde und sein Verhältnis zur Nazi-Diktatur nie öffentlich klärte, an einem Wettbewerb für ein Mahnmal im Vernichtungslager Auschwitz teilgenommen. Die Entwurfszeichnungen sind Teil der Ausstellung. Beuys habe der Nazi-Diktatur seinen «Freiheitsbegriff» entgegengesetzt, sagt Ammann. «Er wollte den mündigen Menschen.»

Ammann betont die «Sinnlichkeit» der Zeichnungen, die «Zärtlichkeit der Linien». Ein Hirsch trägt eine Frau, ein Gesicht aus Bleistiftlinien ist von einer geheimnisvollen Linien-Aura umgeben, die «Hüterin des Schlafs» gibt ihre wärmende Energie an den Schlafenden ab, elektrische Ladung entlädt sich in der Landschaft. «Jeder Strich steht unter Strom», sagt Ammann.

Für das im Dauerstreit mit der Künstler-Witwe Eva Beuys liegende Museum Moyland, das neben der von den Sammlerbrüdern van der Grinten zusammengetragenen Kollektion auch das Beuys-Archiv beherbergt, ist die Schau ein Neubeginn. Während Eva Beuys die Herausgabe vieler Werke fordert, will Museumsleiterin Paust ein Zeichen setzen, dass Moyland das weltweit wichtigste Beuys-Forschungszentrum bleibt «und dass alle Bestrebungen, den Bestand herausbrechen zu wollen, nichtig sind».