Frankfurt/Main (dpa) - Axel Weber zieht die Notbremse. Nach tagelangem Gezerre haben sich der Bundesbankpräsident und sein Vorstand zu einer historischen Entscheidung durchgerungen: Thilo Sarrazin wird abgesägt - als erster Vorstand in der Geschichte der Notenbank.

Mit seiner Argumentation gegen Ausländer und Ausführungen über ein angebliches Juden-Gen hat der Polit-Provokateur den Bogen überspannt.

Schon kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 2009 war der ehemalige Berliner Finanzsenator mit eigenwilligen Thesen angeeckt. Sehr zum Missfallen seiner nach außen so diskreten Kollegen nahm er die Mahnungen nicht ernst. Immer wieder tat er seine unbequeme Meinung öffentlich kund - und musste wichtige Aufgaben im Vorstand abgeben. Nun lässt sich Weber nicht länger auf der Nase herumtanzen.

Nur knappe zwei Sätze umfasst die Mitteilung der Bundesbank vom Donnerstag, die seit Tagen mit Spannung erwartet worden war: «Der Vorstand der Deutschen Bundesbank hat heute einstimmig beschlossen, beim Bundespräsidenten die Abberufung von Dr. Thilo Sarrazin als Mitglied des Vorstandes zu beantragen. Der "Corporate Governance"- Beauftragte der Deutschen Bundesbank, Professor Dr. Uwe Schneider, unterstützt diesen Antrag uneingeschränkt.»

Seine verbliebenen Geschäftsbereiche - Informationstechnologie, Risikocontrolling und Revision - entzogen Weber und die vier übrigen Vorstände Sarrazin einhellig mit sofortiger Wirkung. Somit ist der 65-Jährige in der Notenbank kaltgestellt - noch bevor Bundespräsident Christian Wulff über die Abberufung entschieden hat.

Die Spitzen der demokratischen Parteien weiß Weber ebenso hinter sich wie Europas obersten Währungshüter. «Als Bürger war ich entsetzt über das, was ich über eine bestimmte Person gehört habe, als Präsident der Europäischen Zentralbank habe ich volles Vertrauen, dass die Bundesbank die richtigen Entscheidungen treffen wird», sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, am Donnerstag mit ernster Miene in Frankfurt.

Das politische Berlin hatte in den vergangenen Tagen mächtig Druck auf die - eigentlich unabhängigen - Notenbanker gemacht. Immer lauter wurde aus allen demokratischen Parteien der Ruf nach Konsequenzen für Sarrazin, der am Montag noch siegessicher sein umstrittenes Buch «Deutschland schafft sich ab» in Berlin vorgestellt hatte. Am Donnerstag ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklären: «Die Bundeskanzlerin hat die unabhängige Entscheidung des Bundesbankvorstandes mit großem Respekt zur Kenntnis genommen.»