Stuttgart (dpa) - Da haben sich zwei gefunden: Deutschlands Chefzyniker Harald Schmidt steht erneut in einem Stück des Berliner Kult-Dramatikers René Pollesch auf der Bühne. Schmidt mag, was Pollesch macht - und der nennt den TV-Entertainer sogar seine «wichtigste Begegnung der letzten fünf Jahre».

Polleschs «Drei Western» feierte am Sonntag seine Uraufführung in Stuttgart. Es gab viel Applaus von den 240 Premierengästen, allerdings war die Begeisterung über ein Pollesch-Stück hier auch schon mal größer. «Wir spielen auf der Bühne damit, dass wir uns nicht verstehen», hatte Pollesch in der «Stuttgarter Zeitung» angekündigt. Vor der Bühne ließ es aber auch wieder jede Menge ratlose Gesichter zurück. Doch das ist es ja eben, was einen echten Pollesch ausmacht. Er gibt jede Menge Raum zu Interpretationen. Nicht umsonst ist er aktuell einer der gefragtesten Theatermacher dieser Republik.

Den Handlungsstrang sucht der Zuschauer ebenso vergebens wie definierte Rollen oder gar logische Zusammenhänge. Irgendwie geht es ums Weghören und um Unwahrheiten. Schon der Titel ist ein Produkt aus beidem: Eigentlich sollte das Stück «Drei Schwestern» heißen.

Einmal mehr rückt Pollesch mit «Drei Western» die Theaterwelt selbst und ihre Widersprüche ins Zentrum. «"Lügt uns an! Wir versprechen, dass wir Euch glauben!" Das ist die Erwartung des Zuschauers, das ist Ihre Erwartung, dass Sie hier angelogen werden», heißt es im Programm. Was mit jeder Menge Wortwitz und dem Pollesch-typischen Tempo beginnt, wird dann aber rasch ruhiger. Alles bleibt aber so surreal, verwirrend und grotesk. Pollesch eben.

Es ist bereits die siebente Uraufführung des gebürtigen Hessen in Stuttgart. Schmidt hatte schon in «Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr» eine Rolle übernommen. Und Pollesch bleibt Pollesch: Wieder erhält der Zuschauer via Videoleinwand einen Blick hinter die Kulisse. Der 47-Jährige spielt gar zu gerne mit dieser weiteren Ebene. Und auch seine auffällige Souffleuse ist wieder da. Mitten im Bild. Und sie lässt keine Pause im atemberaubenden Wortschwall zu, der dem Zuschauer da 80 Minuten entgegengeschleudert wird.

Pollesch versetzt seine Protagonisten in eine Art Western-Saloon. Das passt noch zum Titel. Aber warum fahren seine Figuren in einer riesigen goldenen Schüssel durch die Gegend. Warum sollte man eine Pantomime im Radio senden? Was treibt sie dazu, sich in ein Schlauchboot zu setzen? Warum schneit es? Und welche Aussage steckt hinter der - zugegeben ausgesprochen amüsanten - minutenlangen Slapstick-Rangelei dreier Schlafender? Keine Frage: Das Stück lädt zu leidenschaftlichen Interpretationen ein.