Berlin (dpa) - In der Sarrazin-Debatte hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dafür plädiert, Probleme im Zusammenleben mit Migranten offen anzusprechen.

Sie sprach sich in der «Bild am Sonntag» dafür aus, die statistisch erhöhte Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher nicht zu tabuisieren: «Das ist ein großes Problem und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.»

Ausgelöst hatte die Diskussion der umstrittene Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, dem aufgrund seiner Thesen nun der Job-Verlust und der Ausschluss aus der SPD drohen. Über Sarrazins Abberufung aus dem Vorstand der Notenbank muss Bundespräsident Christian Wulff entscheiden.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel betonte am Samstag in Berlin, Sarrazin werde nicht im Schnellverfahren aus der SPD ausgeschlossen. «Es gibt keinen kurzen Prozess oder so was.» Sarrazin werde auch von der Partei angehört werden. Gabriel wies auch die Behauptung des Berliner Ex-Finanzsenators zurück, gegen ihn laufe «eine Art politischer Schauprozess». Der SPD-Chef dazu: «Das Verfahren der Bundesbank ist in der Öffentlichkeit auch überprüfbar.»

Merkel warnte davor, Gewalt mit einer bestimmten Religion zu verbinden. «Das führt in die Irre. Gewalt bei jungen Menschen ist oft ein Zeichen dafür, dass sie keine Perspektive für sich sehen. Und da hilft nur Bildung, Bildung, Bildung. Unser Staat macht da viele Angebote, aber die Hauptverantwortung liegt bei den Eltern, die ihnen Schule und Gesellschaft nicht abnehmen können.»

SPD-Chef Gabriel verlangte in Berlin von der Bundesregierung die Vorlage eines regelmäßigen überprüfbaren Integrationsplans. Er soll den Stand der Eingliederung deutscher und ausländischer junger Menschen in die Gesellschaft messbar überprüfen. «Wir brauchen eine kontinuierliche Debatte über Integration, über Erfolg und Misserfolge. Die Politik muss sich am Alltag messen lassen und nicht nur immer dann, wenn einer mal ein Buch schreibt.» In der «Neuen Ruhr Zeitung» rief Gabriel seine Partei dazu auf, sich «intensiver und offensiver» der Integration zu widmen. Der Ärger der Menschen dürfe nicht verschwiegen oder nur in den Kneipen besprochen werden. «Es gibt die Hassprediger, die Sarrazin beschreibt.»

Die Integrationsbeauftragte der Regierung, Maria Böhmer (CDU), gestand Probleme bei der Vermittlung der Zuwanderungspolitik ein. «Die Kluft zwischen der Bevölkerung und der Politik macht mir Sorge», sagte sie dem Magazin «Focus». «Die öffentliche Reaktion auf Sarrazin zeigt, dass wir noch offensiver über Probleme und Erfolge in der Integration reden müssen.» Gabriels Forderung nach einem Integrationsplan stieß bei Böhmer auf Unverständnis. Gabriel sei nicht auf der Höhe der Zeit. «Die Bundesregierung bereitet nämlich schon seit Monaten die Erarbeitung eines verbindlichen Aktionsplans intensiv vor. Noch in diesem Jahr wird der Startschuss fallen.»