Köln (SID) - DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat sich in der Führungsspielerdebatte klar auf die Seite von Kritiker Oliver Kahn geschlagen. "Ich folge Oliver Kahn inhaltlich zu 100 Prozent. Ich bin froh, dass ein sehr wichtiges Thema im Fußball in den Mittelpunkt rückt: die Persönlichkeitsentwicklung. Die Diskussion darf aber nicht personenbezogen werden, sondern sie muss sachorientiert sein", sagte der Sky-Experte am Samstag. Bei Sport1 bezeichnete er es tags darauf explizit als Fehler Kahns, die Diskussion an Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger festzumachen.

Kahn hatte seine ehemaligen Bayern-Mitspieler in den vergangenen Tagen heftig attackiert. "Sie stehen exemplarisch als Vertreter einer Generation. Mich hat früher Kritik auch geärgert, ich habe mich aber hinterfragt. Diese Einstellung ist sehr empfehlenswert. Die beiden möchten und sollten jetzt den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung machen", sagte der frühere Weltklassetorwart über Bayern-Kapitän Lahm und dessen Stellvertreter Schweinsteiger.

Sammer sagte über Lahm: "Philipp Lahm ist der Kapitän. Ich würde ihm einfach nur zurufen: Du musst gar nicht zu den anderen schauen. Sei so wie Du, aber Dir Deiner Rolle bewusst. Ich finde, wir müssen das von ihm einfordern."

Dabei sei Lautstärke oder verbale Führung nicht so wichtig. Sammer: "Das ist Nonsens. Wir hatten bei der WM 1954 mit Fritz Walter einen Anführer, der alles war, aber kein Lautsprecher. 1996 hat der Slogan 'Der Star ist die Mannschaft' den ganzen Fußball und die Nachwuchsentwicklung nahezu kaputtgemacht, weil wir den Einzelnen, den Individuellen, in seinem Persönlichkeitsbild kaputtgemacht haben."

Für den Europameister von 1996 gibt es fünf Faktoren für die Leistungsentwicklung im Fußball: "Die Konstitution, die Kondition, die Technik, die Taktik und die Persönlichkeit. Ein Führungsspieler zeichnet sich durch sportliche Leistungsfähigkeit aus, die unumstritten ist. Und er muss dies in seiner Mannschaft berücksichtigen. Er muss seiner Mannschaft dienen."

Sammer betonte, dass er grundsätzlich etwas erreichen wolle, "auch gerade in der Sogwirkung für die Nachwuchsspieler: Es ist unabdingbar für unseren Fußball, dass wir in Strukturen, in Hierarchien denken. Das müssen wir im deutschen Fußball endlich begreifen", sagte Europas Fußballer des Jahres von 1996: "Damit fangen wir beim DFB schon in der U15 und U16 an. Schon dort sind drei Spielertypen in einer Mannschaft zu erkennen: Spieler, die die Qualitäten zur Führung haben; Teamspieler, die dafür sorgen, dass alles funktioniert; und Individualisten sind, die Freigeister sind."

Auf die Frage, ob man große Titel nur mit großen Führungsspielern gewinnen könne, sagte Sammer: "Ich bin davon überzeugt. Wir haben es in den vergangenen Jahren auf Klubebene in der Champions League analysiert: Gleichmacherei ist der Tod des Fußballs."