London (dpa) - Das Möbelhaus der Familie Reeves hat Krisen und Kriege überlebt. Aber nicht die Krawalle und Plünderungen der letzten Nächte.

An der London Road im südlichen Stadtbezirk Croydon, wo das «House of Reeves» 144 Jahre lang Betten, Tische, Sessel und Schränke feilbot, rauchten am Mittwoch noch die Ruinen eines ganzen Häuserblocks. «Szenen wie im Blitz», schrieb die Zeitung «Evening Standard». «Blitz» nennen Briten die Bombardierung Londons durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.

«Das bricht einem das Herz», sagt Geschäftsmann Trevor Reeves (56). «Ich weiß nicht, ob wir uns von diesem Schlag je wieder erholen.» Doch wie konnte es soweit kommen? Wieso konnten aufgeputschte Jugendliche, gnadenlose Gangs und Plünderer erst in London und dann auch Birmingham und Manchester, Liverpool, Nottingham und Bristol anscheinend ungestört Orgien der Gewalt und Zerstörung entfachen? Was ist los mit unserer Polizei? Fassungslos fragen sich das viele Briten auch am Tag fünf seit dem Ausbruch der Gewalt.

Manche antworten mit typisch englischem Sarkasmus. «Scotland Yard?», sagt ein grauhaariger Mann im dunklen Anzug, der am Morgen in der U-Bahn Richtung Bankenviertel fährt: «Die sind vermutlich immer noch damit beschäftigt, Jack the Ripper zu fassen.» Das Lachen der Umstehenden ist verhalten. «Jetzt wird aber zurückgeschossen», sagt eine Frau und deutet auf ihre Zeitung: «Polizei: Wir werden Feuer mit Feuer bekämpfen», lautet die Schlagzeile des «Independent», und darunter «Befehl zum Einsatz von Gummigeschossen».

Die Führung von Scotland Yard, der weltberühmten Londoner Polizei, soll ihren Einsatzkräften anfangs strikt verboten haben, mit Gewalt gegen Randalierer und Plünderer vorzugehen. Der Befehl aus der Zentrale der «Metropolitan Police» sei eindeutig gewesen, berichteten hohe Offiziere der «Times» - «stand and observe» habe die Order gelautet, Stillstehen und Beobachten.

Innenministerin Theresa May fand das in Ordnung - zumindest bis in der Nacht zum Mittwoch am Rande der Krawalle in Birmingham drei junge Asiaten einfach totgefahren wurden, die laut Augenzeugen ihren Wohnblock vor Randalierern schützen wollten. «Die polizeiliche Kontrolle stellen wir nicht mit dem Wasserwerfer her», erklärte May am Dienstag, «sondern durch Verständigung zwischen den verschiedenen Gemeinden.»

Geholfen hat die Taktik der «Deeskalation» kaum. «Im Gegenteil, die Polizei hätte rascher und robuster einschreiten müssen», sagt Sicherheitsexperte Peter Power im Morgenmagazin der BBC. Rund um die Uhr wurden Bilder und Berichte im Fernsehen und im Internet, auf YouTube, Facebook und Twitter verbreitet: Randalierer zünden Autos und Geschäfte an, Plünderer schleppen weg, was nicht niet- und nagelfest ist - anscheinend kaum gestört durch die Polizei. «Da war doch klar, dass auch unsere Straßenterroristen nach Londoner Vorbild zuschlagen», klagt Darsi Chouwadry, ein Ladenbesitzer in Birmingham.