Tripolis/Istanbul (dpa) - Die Entscheidungsschlacht um Tripolis hat begonnen. Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen gab es am Sonntag in mehreren Stadtvierteln heftige Gefechte.

Der bedrängte Machthaber Muammar al-Gaddafi soll die Hauptstadt angeblich in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf und werde vom Al-Orban-Stamm beschützt.

Eine Bestätigung für die Nachricht von der Flucht Gaddafis aus Tripolis gab es zunächst aber nicht - weder von den Rebellen noch von algerischer Seite. Ein Beamter des Außenministeriums in Algier sagte auf Anfrage, Gaddafi halte sich derzeit nicht in Algerien auf.

Augenzeugen berichteten, am Sonntag hätten die Rebellen in Tripolis den internationalen Verkehrsflughafen eingenommen sowie den Militärflughafen Mitiga. Gaddafi-Anhänger hätten den Stadtteil Tadschura, in dem die Rebellen bereits in der Nacht die Kontrolle übernommen hatten, mit Mörsergranaten beschossen.

Auch das große Viertel Souk al-Dschumaa werde inzwischen von den Rebellen beherrscht. Anwohner hörten in der Nacht auch Schüsse und Luftangriffe der Nato. Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es, die Rebellen hätten das Haus von General Al-Chwaildi Al--Hmeidi, einem engen Vertrauten Gaddafis, im Stadtteil Al-Andalus umzingelt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief Gaddafi auf, die Macht schnell abzugeben. «Es wäre gut, wenn er möglichst schnell aufgibt, um Blutvergießen zu vermeiden», sagte Merkel am Sonntag im ZDF-Sommerinterview. Außenminister Guido Westerwelle erklärte: «Jeder Tag, den Oberst Gaddafi früher das Land verlässt, ist ein guter Tag für Libyen und für das libysche Volk.» Er fügte hinzu: «Wir setzten darauf, dass weiteres Blutvergießen verhindert werden kann. Und das geht nur über den Weggang und den Abtritt von Oberst Gaddafi.»

Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine vorab aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden. In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen «Verräter» und «Ratten» und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.