Brüssel/Bengasi/New York (dpa) - Eine Woche nach dem Fall von Tripolis suchen nach Rebellenangaben immer mehr engste Gaddafi-Vertraute ihr Heil in der Flucht oder in Verhandlungen.

Nachdem die Ehefrau des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi, Safija, mit drei Kindern nach Algerien geflüchtet war, sprach der Sohn Al-Saadi nach Angaben der Rebellen vom Mittwoch über Sicherheitsgarantien. Der Sender CNN berichtete dagegen, der drittälteste Gaddafi-Sohn habe per Mail mitgeteilt, dass er nicht aufgeben wolle. Am Donnerstag will die Staatengemeinschaft in Paris die Milliardenhilfe für das neue Libyen koordinieren.

In Gaddafis Heimatstadt Sirte an der Mittelmeerküste gab es keine Anzeichen dafür, dass sich die letzten Gaddafi-Getreuen einem Ultimatum der Rebellen beugen. Die Nato will auch nach einem Ende des Militäreinsatzes in Libyen weiter Flagge zeigen.

Nato-Soldaten könnten für eine begrenzte Zeit den Luftraum überwachen und Schiffe vor der Küste Libyens kontrollieren. Dies vereinbarten die Vertreter der 28 Nato-Staaten am Mittwoch im Nato-Rat in Brüssel. Eine Entsendung von Bodentruppen kommt dagegen für das Bündnis nicht in Frage.

In Gaddafis Heimatstadt Sirte rückt eine Entscheidungsschlacht näher. Die Bevölkerung in der rund 75 000 Einwohner zählenden Küstenstadt sei gespalten, berichtete der Nachrichtensender Al-Dschasira. Eine Hälfte plädiere für Kampf, die andere Hälfte für Kapitulation. Stammesälteste versuchten, die Gaddafi-Truppen wenigstens davon zu überzeugen, dass im Fall eines Kampfes Frauen und Kinder zuvor die Stadt verlassen könnten. Nach Rebellenangaben kamen seit Beginn des Aufstandes gegen Gaddafis Regime vor sechs Monaten mindestens 50 000 Menschen ums Leben. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben ist nicht möglich.

Eine Woche nach dem Fall der Hauptstadt Tripolis wollen nach Angaben der Aufständischen immer mehr Mitglieder aus dem inneren Zirkel Gaddafis aufgeben. Zu ihnen soll auch Gaddafis 38 Jahre alter Sohn Al-Saadi gehören. Der für Tripolis zuständige Rebellenkommandeur Abdelhakim Belhadsch sagte Al-Dschasira: «Er (Al-Saadi) hat darum gebeten, Teil der Revolution zu werden. Er bat um Garantien, damit er zu seinen Leuten in die Hauptstadt Tripolis zurückkehren kann. Er deutete an, wo er sich versteckt hält.»

Die Rebellen haben nach den Worten von Belhadsch auch «unbestätigte Berichte, wo sich Gaddafi aufhält». Arabische Medien spekulierten, dass der 69-Jährige in Bani Walid südlich von Tripolis untergetaucht sei. Die Stadt stehe unter dem Schutz der Warfalla, des größten libyschen Stammes, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. Dagegen behauptete ein ehemaliger Leibwächter von Gaddafis Sohn Chamis, dass sich der Ex-Diktator in die 770 Kilometer südlich von Tripolis gelegene Garnisonsstadt Sebha abgesetzt habe.