Tripolis/New York (dpa) - Die politische Vertretung der libyschen Aufständischen hat allen Soldaten und Freiwilligen, die bis jetzt für Muammar al-Gaddafi kämpfen, Straffreiheit versprochen.

«Wir rufen euch heute zum letzten Mal auf, eure Waffen niederzulegen, und wir versprechen euch, dass wir keine Rache üben werden. Zwischen uns und euch steht das Gesetz», sagte der stellvertretende Vorsitzende des «Kabinetts» der Revolutionsbewegung, Ali al-Tarhuni, am Donnerstagabend während der ersten Pressekonferenz seiner Minister in Tripolis.

Er kündigte an, die neue libysche Führung werde mindestens bis zu den ersten freien Wahlen alle Verträge mit ausländischen Firmen und Staaten einhalten. Während die Minister in einem Hotel in Tripolis tagten, meldete sich der untergetauchte Despot Gaddafi mit einer Audiobotschaft, in der er seine Anhänger zum Kampf aufrief.

Zugleich gab es Hinweise auf Gräueltaten auf beiden Seiten. Ein Vertreter der Aufständischen in Tripolis sagte der dpa, er wundere sich nicht über die Berichte über Gräueltaten der Gaddafi-Truppen. Von standrechtlichen Erschießungen durch die Rebellen wisse er nichts. In Tripolis gebe es ein «Gefängnis», in dem rund 200 gefangene Kämpfer der Gaddafi-Truppen festgehalten würden. Unter ihnen seien nur wenige Libyer. Die meisten Gefangenen seien afrikanische und auch einige europäische Söldner. Die Europäer stammten vermutlich aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien.

Von den Aufständischen hieß es, die Plünderungen konzentrierten sich auf die Besitztümer der Gaddafi-Familie. Ein Rebell schwenkte vor dem Eingang zu dem Saal, in dem die Pressekonferenz des Aufständischen-Kabinetts stattfand, Postkarten mit Fotomontagen, auf denen zu sehen ist, wie US-Präsident Barack Obama als Bittsteller vor Gaddafi kniet. Der Rebell sagte, er habe diese und ähnliche Karten in einem bisher immer für Gaddafis Sohn Al-Saadi reservierten Hotelzimmer in Tripolis gefunden. Der Chef der inoffiziellen Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, hält sich nach Angaben der Aufständischen vom Donnerstagabend derzeit in Europa auf, um eingefrorene Guthaben des Gaddafi-Regimes loszueisen.

Die Vereinten Nationen haben die Freigabe von 1,5 Milliarden Dollar (1,04 Milliarden Euro) aus dem eingefrorenen Auslandsvermögen des Regimes beschlossen. Mit dem Geld soll eine humanitäre Krise in Libyen verhindert werden. Die Entscheidung fiel am Donnerstag (Ortszeit) auf Druck der USA. Das Geld solle auch die finanzielle Position der Rebellenführung stärken und Libyens Wiederaufbau nach monatelangen schweren Kämpfen unterstützen, hieß es in New York.

Die Entscheidung fiel in dem Komitee des Sicherheitsrates für die Libyen-Sanktionen. Sie wurde erst möglich, als Südafrika, ein langjähriger Verbündeter Libyens unter Gaddafi, seinen Widerstand aufgab. Nach Angaben von Diplomaten liegen etwa 30 Milliarden Dollar (knapp 21 Milliarden Euro) libyscher Auslandsguthaben auf Eis.