Wien/Braunau (dpa) - Ein neuer möglicher Inzest-Fall erschüttert Österreich: In einem kleinen Ort bei Braunau am Inn soll ein heute 80-jähriger Mann mehr als 40 Jahre lang seine beiden Töchter körperlich misshandelt und sie sexuell missbraucht haben.

Die beiden Frauen, die heute 45 und 53 Jahre alt sind und als geistig beeinträchtigt geschildert werden, hatten sich nie jemandem anvertraut. Durch einen Zufall kam die Tat ans Licht: Am Donnerstag wurde der mutmaßliche Täter im Pflegeheim verhaftet, berichtete die Polizei. Er wurde wegen «Flucht- und Tatbegehungsgefahr» in ein Gefängnis gebracht.

Der Mann habe die Töchter im eigenen Haus mit Drohungen und Gewalt wohl so eingeschüchtert, dass sie sich niemandem anvertraut hätten, erklärte Polizeisprecher Martin Pumberger. Dabei habe er sie mit Stöcken und Geräten wie einer Mistgabel misshandelt. Der Mann habe legal zwei Waffen besessen, sie aber nicht eingesetzt.

Die Frauen seien von Nachbarn im Haus und im Garten gesehen worden. «Sie waren nicht eingesperrt», sagte Pumberger. Der Vater hatte ihnen aber jeden sozialen Kontakt verboten. Unklar war am Donnerstag, ob die Frauen als Kinder je eine Schule besucht hatten.

Als Erwachsene standen die beiden Frauen wegen ihrer geistigen Behinderung unter Sachwalterschaft - einer Art Vormundschaft. Auch dem Sachwalter gegenüber hatten sie Informationen des österreichischen Rundfunks ORF zufolge nie von den Übergriffen gesprochen.

Der Fall weckt Erinnerung an die Taten des Österreichers Josef Fritzl, die weltweit Schlagzeilen gemacht hatten. Im April 2008 war bekannt geworden, dass Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten und unzählige Male vergewaltigt hatte. Er zeugte mit ihr sieben Kinder. Fritzl wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Familie bekam eine neue Identität.

Bei dem aktuellen Fall wird dem 80-Jährigen Jahrzehnte dauernder Inzest vorgeworfen. Der Mann soll seine beiden Töchter seit 1970 regelmäßig missbraucht haben. Auch seine Frau, die 2008 gestorben ist, soll der Österreicher vergewaltigt und geschlagen haben. Es habe in dem 2400-Seelen-Ort nie Gerüchte gegeben, sagte der Bürgermeister der Nachrichtenagentur APA in Wien. Auch Nachbarn hatten keinen Verdacht gegen den Mann geschöpft, der früher bei der Straßenmeisterei gearbeitet hatte.