Berlin (dpa) - Papst Benedikt XVI. hat gleich zum Auftakt seines Deutschlandbesuchs zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der Religion beklagt. Gleichzeitig prangerte der 84-Jährige Individualismus und mangelnde gesellschaftliche Verantwortung an.

«Im menschlichen Miteinander geht Freiheit nicht ohne Solidarität», sagte er am Donnerstag im Garten von Schloss Bellevue, wo er von Bundespräsident Christian Wulff offiziell begrüßt wurde.

Schon auf dem Flug nach Deutschland war Benedikt kurz auf den Missbrauchsskandal eingegangen. Die Kirche müsse lernen, solche Skandale auszuhalten und jeden Missbrauch zu bekämpfen, sagte er auf Journalistenfragen. Er könne verstehen, dass Menschen, die den Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester nahestünden, nicht mehr in dieser Kirche sein wollten. Ob er im Verlauf der Reise Opfer treffen wird, ist unklar.

Wulff ging mit offenen Worten auf die Probleme der katholischen Kirche wie Missbrauchsskandal und Priestermangel ein. Wichtig seien auch Fortschritte bei der Ökumene, einem Schwerpunkt des Besuches. «Das Trennende zwischen den christlichen Kirchen bedarf der Begründung, nicht das Gemeinsame. Und deswegen haben wir hier noch sehr viel zu tun», sagte Wulff.

«Der Religion gegenüber erleben wir eine zunehmende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, die (...) Nützlichkeitserwägungen den Vorrang gibt», beklagte Benedikt. Dabei sei die Religion Grundlage für ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft.

Auf seiner 21. Auslandsreise besucht der Papst bis Sonntag noch Erfurt, das Eichsfeld in Thüringen und Freiburg. Der Papst betonte, er sei nicht in erster Linie gekommen, «um bestimmte politische oder wirtschaftliche Ziele zu verfolgen, sondern um den Menschen zu begegnen und über Gott zu sprechen.»

Die Erwartungen an den Besuch des Pontifex in seinem Heimatland sind groß. Die katholische Kirche steckt in einer tiefen Krise, wurde vom Skandal um den vielfachen Missbrauch Minderjähriger in katholischen Einrichtungen erschüttert. Viele Gläubige haben das Vertrauen in den Klerus verloren und wünschen sich Reformen. Eine Forderung ist, wiederverheirateten Geschiedenen die Teilnahme an der Kommunion zu ermöglichen. Viele hoffen auf Signale für ein besseres Miteinander von Katholiken und Protestanten.