Paris (dpa) - Die oppositionellen Sozialisten in Frankreich haben sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl erstmals Vorwahlen nach US-amerikanischem Vorbild abgehalten. Bis Sonntagnachmittag gaben nach Parteiangaben mehr als eine Million Franzosen ihre Stimme für einen der sechs Kandidaten ab.

Der Sieger soll dann im April 2012 gegen den amtierenden Staatschef Nicolas Sarkozy antreten. Vor mehr als 23 Jahren hatten die Sozialisten mit François Mitterrand zum letzten Mal eine Präsidentschaftswahl gewonnen.

Unterstützt von guten Umfragewerten hatten die Sozialisten ihre Kandidatenkür revolutioniert. Nach US-Vorbild durften erstmals nicht nur die Parteimitglieder, sondern alle Wähler abstimmen. Das Ergebnis sollte am späten Sonntagabend feststehen. Wenn keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommt, gibt es am kommenden Wochenende eine Stichwahl.

Als großer Favorit des Rennens um die sozialistische Kandidatur galt der langjährige frühere Parteichef François Hollande. Er kam in Umfragen für die erste Wahlrunde zuletzt auf 43 Prozent der Stimmen und lag damit deutlich vor Martine Aubry, die seine Nachfolgerin an der Parteispitze ist. Die Tochter des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors hatte sich erst im Frühsommer zur Teilnahme entschlossen. Zuvor war der lange in den Umfragen führende frühere Weltwährungsfonds-Chef Dominique Strauss-Kahn wegen des Vorwurfs sexueller Angriffe als Bewerber ausgeschieden.

Sozialistische Spitzenpolitiker zeigten sich am Sonntag begeistert über die Resonanz. «Wir haben es geschafft, allen Hindernissen zu trotzen», sagte Harlem Désir nach Bekanntgabe der ersten Teilnehmerzahlen. Zuvor war die Internetseite zu den Vorwahlen wegen des großen Ansturms vorübergehend nicht erreichbar gewesen. «Wenn es so weitergeht wie (...) heute Morgen, werden wir am Ende mehr als zwei Millionen Teilnehmer haben», sagte Arnaud Montebourg, der mit Ségolène Royal, Manuel Valls und Jean-Michel Baylet zu den vier Außenseitern unter den Kandidaten zählte.

Berichte über mögliche Wahlmanipulationen gab es zunächst nicht. Parteiinterne Kritiker hatten die Befürchtung geäußert, dass Sympathisanten Sarkozys oder andere nicht linksgerichtete Franzosen an der Abstimmung teilnehmen könnten, um einen «schwachen Kandidaten» zu wählen. Um dies zu verhindern, hatte die Parti Socialiste (PS) nur zwei Hürden vorgesehen. Jeder Wahlteilnehmer musste unterschreiben, dass er sich zu den Werten der Linken bekennt und mindestens einen Euro spenden.

Auf das konservativ-rechte Regierungslager übt der Erfolg der Vorwahlen Druck aus, selbst ein ähnliches Verfahren zu organisieren - zumal nach einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage nur noch 24 Prozent der Franzosen dem amtierenden Präsidenten vertrauen. Sämtliche Spitzenpolitiker haben allerdings bislang betont, dass man erst bei den übernächsten Wahlen 2017 darüber nachdenken werde. Für 2012 sei Sarkozy der «natürliche Kandidat», heißt es.