Tokio (dpa) - Das Gerangel um Position Nummer 1 im deutschen Turn-Team geht weiter. Doch im Gegensatz zu früher lassen sich Fabian Hambüchen und Philipp Boy nicht mehr auf Verbalattacken ein. Beim Kampf um die Olympia-Tickets zogen die ewigen Rivalen am gleichen Stang.

Erst lächelte er etwas süffisant, dann aber überlegte Philipp Boy noch ein paar Sekunden. Gerade war ihm in der Mixed-Zone der Turn-Weltmeisterschaften die Frage gestellt worden, wie er seinen ersten Mehrkampf-Erfolg im internen Duell gegen den Rivalen Fabian Hambüchen bewerte. Boys diplomatische Antwort: «Marcel Nguyen und ich stehen im Mehrkampf-Finale.» Dass Hambüchen dieses als Zwölfter verfehlte, da am Freitag nur zwei Deutsche den Endkampf im Metropolitan Gymnasium von Tokio bestreiten dürfen, verschwieg der Cottbuser.

Philipp Boy hat gelernt. Früher hatte er sich manchmal zu weit hinausgelehnt mit Sprüchen in Richtung Hambüchen. Das kam nicht gut an - nicht nur beim Hambüchen-Clan. Mehrfach hatte Fabian Hambüchen über die Medien verbal zurückgeschossen, wenn er sich gekränkt fühlte. Doch auch das ist vorbei. Beide Turnstars versäumen heute keine Gelegenheit, das Gemeinsame zu betonen: Zuletzt die Olympia-Qualifikation und nun das WM-Team-Finale am Mittwoch.

«Wir sind ein cooles Team. Fabian hat sich nach seinem Verletzungspech stark zurück gemeldet und ist wieder eine Stütze der Mannschaft», unterstrich Boy. Noch deutlicher hatte der Lausitzer die öffentliche Annäherung demonstriert, als er vor dem Abflug zum Duell mit Hambüchen befragt wurde. «Jeder will sportlich das Beste erreichen. Aber egal wie es ausgeht, es wird kein böses Wort geben.»

An jeder Aussage der beiden wird deutlich, wie Chefcoach Andreas Hirsch mit seiner Trainerriege Konflikt-Management betrieben hat. Im Trainingslager von Kienbaum sollte in langen Diskussionen alles Trennende aus den Köpfen den beiden letzten Europameister raus. Auch wenn Hirsch immer betonte, dass gerade die Reibung auf sportlichem Gebiet beide, und damit auch das Team, voran bringe.

Durch die Achillessehnen-Operation im Januar war es monatelang ruhig um den Vorturner Hambüchen geworden. Mit Kampfgeist und unglaublicher Energie turnte er sich wieder heran an die Weltspitze. «Es gab Tage, in denen die Wut und der Hass in mir unerträglich waren», erinnert er sich an die schwere Zeit der Rehabilitation.

Sein Konkurrent und Gefährte Boy nutzte Hambüchens erzwungene Mehrkampf-Pause mit Platz zwei bei der WM 2010 in Rotterdam und Rang eins bei der EM 2011 in Berlin zu spektakulären Sechskampf-Erfolgen. Aufgrund des normalen Trainingsrückstandes ist das nun verpasste Mehrkampffinale für Hambüchen wahrlich kein Beinbruch.