Kairo (dpa) - Bei Straßenkämpfen zwischen Christen, Soldaten und muslimischen Schlägertrupps sind in Kairo mindestens 24 Menschen getötet worden. Es waren die blutigsten Ausschreitungen seit den Massenprotesten, die im Februar zum Sturz von Präsident Husni Mubarak geführt hatten.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden in der Nacht zum Montag weitere 213 Menschen verletzt. Augenzeugen und Reporter berichteten, die Gewalt habe begonnen, als Schlägertrupps Steine auf eine Menge von mehreren tausend christlichen Demonstranten geworfen hätten. Diese hatten sich versammelt, um gegen die Diskriminierung ihrer Glaubensgemeinschaft zu protestierten. Als die durch die Steinwürfe aufgebrachten Demonstranten vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens angekommen seien, habe plötzlich jemand aus der Menge heraus einen vor dem Gebäude stehenden Wachmann erschossen.

Die Soldaten hätten daraufhin die Demonstranten attackiert, zu denen sich in der Zwischenzeit auch einige Muslime gesellt hatten. Die Sicherheitskräfte fuhren mit gepanzerten Fahrzeugen durch die Menge. Zum Schluss zählten Krankenhausärzte drei getötete Soldaten und 21 tote Zivilisten, die meisten von ihnen Christen.

Die Demonstranten hatten zuvor die Absetzung des Gouverneurs der Provinz Assuan gefordert, der es ihrer Ansicht nach versäumt hatte, sich im Konflikt um den Bau einer Kirche schützend vor die Christen des Dorfes Mari Nab bei Edfu zu stellen. Das Gotteshaus war von radikalen Muslimen attackiert worden. Diese hatten behauptet, das Gebäude sei ohne Erlaubnis der Behörden in eine Kirche umgewandelt worden. Auch der Konflikt um eine Schule in der Provinz Minia, in der christliche Mädchen im September gezwungen worden waren, mit Kopftuch zum Unterricht zu erscheinen, hatte, die Spannungen zwischen der muslimischen Mehrheit und den Mitgliedern der koptisch-orthodoxen Kirchen angeheizt.

Die islamistische Salafisten-Bewegung wies eine mögliche Schuld für den Gewaltausbruch im Zentrum von Kairo von sich. Man verurteile, was geschehen sei, erklärte ein Sprecher der Bewegung.

Die oppositionelle Jugendbewegung 6. April, die im vergangenen Winter und Frühjahr maßgeblich die Proteste gegen das alte Regime mitorganisiert hatte, wertete die Eskalation in Kairo als Versuch von Konterrevolutionären, «den friedlichen Charakter der Revolution» zu zerstören. Sie rief die Regierung auf, die legitimen Forderungen der Christen zu erfüllen - dazu zähle auch, dass für den Bau von Kirchen die gleichen Bedingungen gelten müssten wie für den Bau von Moscheen.

An den Massendemonstrationen, die zum Sturz von Präsident Mubarak geführt hatten, waren auch Angehörige der christlichen Minderheit beteiligt gewesen. Viele koptische Christen, die auch unter Mubarak schon über Diskriminierung geklagt hatten, treibt jedoch die Sorge um, dass ihr Staat unter dem Einfluss der Muslimbruderschaft jetzt «islamisiert» wird.