Tripolis/Kairo (dpa) - In Libyen beginnt heute (Sonntag) nunmehr auch offiziell eine neue Ära. Nach dem Tod von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi will der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, in Bengasi die vollständige Befreiung seines Landes verkünden.

Nicht bekannt war, ob zu den Feierlichkeiten auch Politiker aus dem Ausland erwartet wurden. Bei einer Konferenz in Jordanien sagte Übergangs-Regierungschef Mahmud Dschibril, der Sturz Gaddafis habe zur Wiedergeburt des nordafrikanischen Landes geführt, doch werde der Wiederaufbau eine sehr schwierige Aufgabe sein.

Noch vor den Feiern wurde der Streit um die Leiche des Ex-Diktators vorerst beigelegt. Die Leichen Gaddafis und seines Sohnes Mutassim sollen nun an Angehörige übergeben werden statt wie ursprünglich geplant, an einem unbekannten Ort vergraben zu werden. Libyens Nachbarland Algerien weist Gaddafis zweite Ehefrau Safija sowie Tochter Aischa und weitere Familienangehörige aus. Nach Medienberichten würden letzte Einzelheiten noch mit einem nicht näher bezeichneten Golfstaat geklärt.

Gaddafi ist nach einem «Spiegel»-Bericht offenbar mit deutscher Geheimdiensthilfe aufgespürt worden. Seit Wochen schon sei dem Bundesnachrichtendienst (BND) der genaue Aufenthaltsort Gaddafis in dessen Heimatstadt Sirte am Mittelmeer bekannt gewesen, schreibt das Nachrichtenmagazin. Der BND dementierte den Bericht am Samstagabend. Der BND habe nicht gewusst, dass sich Gaddafi am besagten Tag in Sirte aufgehalten habe, sagte BND-Sprecher Dieter Arndt der Nachrichtenagentur dpa. «Die Geschichte ist eine freie Erfindung.»

Die neue Zeitrechnung soll in Libyen jetzt mit einem Tag Verspätung am Sonntagnachmittag 15.00 Uhr (MESZ) beginnen. Der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, will eine feierliche Erklärung zur vollständigen Befreiung des Landes auf dem Hauptplatz in Bengasi abgeben. Nach der Feier soll binnen 30 Tagen eine provisorische Regierung gebildet werden. Diese solle dann bis Juni 2012 Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung vorbereiten, kündigte Dschalil an. Dieses Gremium wiederum soll eine Verfassung ausarbeiten, auf deren Grundlage dann innerhalb eines Jahres ein Parlament und ein Präsident gewählt werden.

Für Aufsehen sorgte zwei Tage nach dem Tod Gaddafis die Nachricht, dass der Ex-Diktator angeblich ein Vermögen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Dollar (144 Milliarden Euro) beiseite geschafft hat. Dies sei doppelt soviel, wie westliche Regierungen bisher angenommen hätten, meldete die «Washington Post» am Samstag unter Berufung auf hochrangige libysche Offizielle.

In die Affäre um die Lieferung von modernen deutschen Sturmgewehren vom Typ G36 an Gaddafi hat sich jetzt die deutsche Justiz eingeschaltet. Nach Informationen von «Bild am Sonntag» geht die Staatsanwaltschaft Stuttgart dem Verdacht illegaler Rüstungsexporte nach. Sie beauftragte das Zollkriminalamt Köln mit den Ermittlungen. Die Bundesregierung hatte 2003 den Export von 600 Sturmgewehren des Typs G36 der Firma Heckler & Koch nach Ägypten genehmigt. Waffen aus dieser Lieferung wurden vor zwei Monaten beim Sturm von Rebellen auf eine Gaddafi-Residenz entdeckt.