Gera/Bonn (dpa) - Ein Bundeswehr-Soldat erschießt in Afghanistan einen Kameraden. Jetzt steht er in Gera vor Gericht. Dort berichten Soldaten als Zeugen von leichtsinnigen Spielchen mit Waffen. Der Prozess wirft Fragen auf - auch nach der Belastung von Soldaten im Einsatz.

Er habe sich an die Gefahr gewöhnt, sagt ein 20 Jahre alter Ex-Soldat. Wer täglich eine Pistole mit sich herumtrage, vergesse schon mal, «was passieren kann, wenn man nicht aufpasst». Irgendwann sei die Waffe so selbstverständlich wie ein Handy, erzählen seine Kameraden. Und, ja: «Wir haben cool mit der Waffe rumhantiert, Blödsinn gemacht.»

Genau so ein leichtsinniges Spiel könnte einem jungen Soldaten in Afghanistan das Leben gekostet haben. Er starb im vergangenen Jahr durch den Schuss aus der Waffe eines Kameraden. Der spricht vor dem Landgericht Gera von einer Fehlfunktion. Am kommenden Mittwoch soll ein Urteil fallen. Zwischen den Zeilen der Zeugenaussagen wird deutlich, unter welchen Druck junge Soldaten im Einsatz stehen.

Die Bundeswehr engagiert sich seit Ende 2001 in Afghanistan. Derzeit sind 5075 deutsche Soldaten in der Internationalen Schutztruppe (ISAF) am Hindukusch stationiert. Der tödliche Schuss, um den es im Geraer Prozess gerade geht, fiel im Feldlager in der Unruheprovinz Baghlan - es ist eines der gefährlichsten.

Sobald die Soldaten das Lager verlassen, können vergrabene Bomben auf den Straßen lauern. «Jede Sekunde kann es einen Riesenschlag tun und ich bin tot», erzählt André Wüstner vom Vorstand des Deutschen Bundeswehrverbands. Dazu Nächte im Zelt, kaputte Duschen, lange Wachdienste, Sandstürme, Schlafmangel - sechs Monate lang. «Das wirkt sich brutal aus», sagt der Verbandsvize.

Besonders schlimm sei die Situation, seit die Bundeswehr die Einsatzdauer von vier auf sechs Monate angehoben habe. «Es ist psychologisch bewiesen, dass die Soldaten überlastet sind», erklärt der Major, der selbst in Afghanistan stationiert war. «Unter dieser Dauerüberlastung reagieren einige mit Leichtsinn.»

Bei ihren Spielchen mit der ungeladenen Waffe hätten sie öfter auch abgedrückt, erzählt ein Zeitsoldat in Gera. Er ist erst 22 Jahre alt. «Wir haben nie auf andere Menschen gezielt, immer nur auf die Zeltwand», betont er. Andere wollen auch auf Köpfe gerichtete Pistolen gesehen haben. Solch spielerischen Umgang mit der Waffe habe es schon immer gegeben, sagt Wüstner. Auch aus anderen Lagern ist bekannt, dass sich Soldaten Pistolen an den Kopf hielten - teils sollen die Waffen sogar geladen gewesen sein.