Athen (dpa) - Die Griechen schütteln ungläubig den Kopf: Ihrem Staat droht die Pleite, aber die Politiker feilschen in Endlos-Verhandlungen über einen neuen Regierungschef. Manchen bleibt da nur Galgenhumor.

Wenigstens eine gute Seite hatte das Gezerre um die neue Regierung in Athen in den vergangenen Tagen: Im Alltag der griechischen Hauptstadt herrschte endlich einmal wieder Normalität. Ohne neue Regierung, keine neuen Sparmaßnahmen - die Gegner der Sparpolitik hatten somit keinen Anlass zu Protestkundgebungen. Es streikten weder Busfahrer noch Eisenbahner, es gab keine Krawalle und keine Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizisten. Aber das war auch das einzig Gute.

Die quälende Hängepartie dauerte auch am Mittwoch an: Seit Tagen hatten die großen Athener Parteien schon über die Bildung einer Übergangsregierung, die das Land aus der Krise führen soll, gefeilscht. Sozialisten und Konservative hatten sich zuvor monatelang gegen eine «Regierung der nationalen Einheit» gesträubt. Zwar waren sie sich seit Sonntag grundsätzlich einig, eine solche Regierung aufzustellen, aber wer an ihrer Spitze stehen soll und wer sonst noch welchen Posten bekommt, darüber wurde bis zum Schluss unerbittlich gestritten.

Die Parteien hatten keine Wahl: Wenn sie an die Gelder kommen wollen, die die Europäische Union und der Weltwährungsfonds (IWF) in Aussicht gestellt haben und die Griechenland vor dem Staatsbankrott bewahren sollen, mussten sie sich einigen.

Der sozialistische Ministerpräsident Giorgos Papandreou und der konservative Oppositionsführer Antonis Samaras akzeptierten die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit zwar zähneknirschend. Aber sie wollten keinen politischen Preis dafür zahlen. Weder die Sozialisten (PASOK) noch die Nea Dimokratia (ND) machten Anstalten, der angestrebten Regierung einen starken Rückhalt zu geben, damit diese die notwendigen Reformen zur Sanierung der griechischen Wirtschaft einleiten kann.

Im Gegenteil: Beide Seiten schielten in den vergangenen Tagen darauf, sich für die nächsten Wahlen, die im Februar 2012 stattfinden könnten, eine möglichst gute Ausgangsposition zu sichern. Die ND lehnte es ab, hochrangige Politiker in das Kabinett zu schicken. Die Konservativen wollten sich zur neuen Regierung möglichst auf Distanz halten, damit die Wähler sie nicht mit den unpopulären Sparmaßnahmen in Verbindung bringen, die in den nächsten Wochen anstehen. Sie ließen den Sozialisten bei der Zusammenstellung des Kabinetts weitgehend freie Hand.

Alles deutete darauf hin, dass der parteilose frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Lucas Papademos, neuer Ministerpräsident werden sollte. Der Wirtschaftsexperte genießt das Vertrauen der EU und der Finanzwelt. Aber den Sozialisten schienen dann doch Bedenken gekommen zu sein. Führende PASOK-Politiker fürchteten anscheinend, dass Papademos eine starke Figur werden und den Aufstieg einer neuen politischen Kraft einleiten könnte.