Chemnitz/Berlin (dpa) - Ein Mädchen mit Gasmaske, ein leerer Raum, ein Rockstar. Ein nacktes Model mit Zigarette, eine verfremdetes Gesicht, ein Tattoo. Fotos, die mal melancholisch bis verstörend, mal anrührend und sinnlich sind. Der Spruch: «All the words I don't say», dann ein Videoclip.

Kollagen wie diese sind nicht in normalen Galerien zu sehen, sondern in digitalen - in Blogs, die etwa mit dem Dienst Tumblr schnell eingerichtet sind. Mit dem Scrollen des Mausrads rauscht der Betrachter durch diese Momentaufnahmen des Zeitgeists.

Auch Lion Bakmann schafft sich so seine eigene Welt. Sein Blog heißt «Muckibude», und zu sehen gibt es vorwiegend Fotos von Frauen. «Es sind Bilder von Situationen, die mich selbst vom Hocker hauen und meinen derzeitigen Gefühlszustand repräsentieren», sagt der 20-jährige Student aus Chemnitz. «Die Anordnung der Bilder entspricht meinen Vorstellungen von Ästhetik und Harmonie.» Nicht zu obszön und pornografisch sollten die Aufnahmen sein - auch wenn Bakmann viel nackte Haut zeigt.

Die Bilder in seiner «Muckibude» sind oft zeitlos-melancholisch. Caro Geislers Blog heißt «Life is a bitch» und wirkt eher verstörend: Ein Baby mit Tattoos, ein böser Clown, ein Mensch am Tropf. «Ich mag das Absurde, das Provokative, das Abstoßende und Düstere in meinen Bildern», sagt die 24-Jährige aus Berlin.

Die Aufnahmen sind aus dem Netz oder aus Kunst- und Grafikbüchern, ausgewählt nach der «momentanen Lebenslage». Sie sollen aber nichts ausdrücken, sagt Geisler, nur inspirieren - als gelte unausgesprochen: Die Bilder wirken für sich, sie müssen nicht erklärt werden.

«Mein Blog ist ein Sammelort meiner Inspirationen», sagt Lion - und das seien eben hauptsächlich Frauen. «Aber auch Musik, Kultur, Sport, Tattoos und Essen. Einfach alles, was für mich Lebensqualität ausmacht.»

Bakmann und Geisler stehen für den Trend zur Netz-Kollage. Der Blogging-Dienst Tumblr vereinfacht diese Form der Netzkunst: Er erlaubt das einfache Teilen von Texten, Fotos, Zitaten, Links, Musik und Videos auf der eigenen Seite mit nur wenigen Mausklicks. Nach Angaben des Unternehmens gibt es mehr als 33 Millionen Tumblr-Blogs. Wie viele davon künstlerisch genutzt werden, lässt sich kaum auswerten. Grundsätzlich ist der Themenkreis vollkommen offen.