Rom (dpa) - Silvio Berlusconi hat aufgegeben. Doch am Tag nach der Rücktrittsankündigung des Cavaliere steht Italien vor mehr Fragen denn je. Der 75-Jährige will zuerst noch die Brüssel versprochenen Spar- und Sanierungsreformen durchsetzen.

Doch wie lange wird das dauern, und was passiert nach dem Abgang des Regierungschefs? Wer soll das Land nach Berlusconi aus der tiefen Krise führen? Große Unsicherheit herrscht, das signalisieren auch die nervösen Finanzmärkte.

Alle Augen und Hoffnungen richten sich in den kommenden Wochen auf Staatspräsident Giorgio Napolitano. Denn Berlusconi steht mit seiner von den Finanzmärkten als unglaubwürdig abgestraften Anti-Krisen-Politik im Abseits. Der 86-jährige Napolitano dagegen, der ehemalige Kommunist aus Neapel, wird nicht nur von italienischen Politikern geschätzt. Er wirkt wie ein Fels in der Brandung des EU-Sorgenkindes Italien. Seit langem ist er der vertrauenswürdige Ansprechpartner für all jene, die mit Berlusconi wenig zu tun haben wollten.

Zwei bis drei Wochen, also wahrscheinlich bis Ende November, dürften die Parlamentarier brauchen, für Berlusconis letzten Akt, die verschärften Spar- und Stabilitätsmaßnahmen in Gesetzesform zu gießen. Allerdings ist noch unklar, ob beide Kammern in Rom das Sparpaket akzeptieren werden. Danach will Berlusconi abdanken - und dann schlägt Napolitanos Stunde. Er muss versuchen, einen Weg für einen erfolgversprechenden Neubeginn des taumelnden Landes zu finden: Unter dem Druck der EU und der Finanzmärkte muss die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone rasch und in überzeugender Manier Handlungsfähigkeit beweisen.

Napolitano kann das Parlament auflösen mit anschließenden Neuwahlen. Er könnte aber auch einen ihm geeignet erscheinenden Kandidaten mit der Regierungsbildung beauftragen, der sich dann die dafür notwendigen Mehrheiten im Parlament organisieren müsste. Der Staatspräsident weiß, was das Land mit der riesigen Schuldenlast, dem dürftigen Wachstum und dem Glaubwürdigkeitsproblem braucht: Es müssen möglichst viele in eine Lösung eingebunden werden.

Einfach wird das nicht. Berlusconi will das Heft noch ein bisschen in der Hand behalten und seinem Kronprinzen Angelino Alfano bei möglichen Neuwahlen gute Chancen auf den Premier-Posten verschaffen. Auch der Juniorpartner Umberto Bossi von der Lega Nord setzt auf einen vorgezogenen Urnengang - Bossi hatte Berlusconi am Vortag zum Rücktritt aufgefordert und damit dessen Ende beschleunigt. Alfano ist zumindest für Berlusconis Partei PdL (Volk der Freiheit), die vor einer Zerreißprobe stehen könnte, nun in der besten Ausgangsposition.

Und die linke Opposition? Sie wittert jetzt zwar Morgenluft nach Berlusconis Sturz auf Raten, doch fehlt ihr noch ein charismatischer Anführer. Mit der PD (Demokratische Partei) gibt es inzwischen einen größeren Oppositionsblock, der sich den Mitte-Rechts-Parteien entgegenstellen kann. Aber es reiche nicht aus, gegen Berlusconi zu sein, man müsse auch ein überzeugendes Programm haben, tönte es zuletzt immer wieder aus der noch zu vielstimmigen Opposition.