Hamburg (dpa) - Der Bundestrainer tüftelt für die EM. Ohne Probe schickte er seine Bubi-Elf gegen die Ukraine ins Taktik-Experiment mit Dreierkette. Löw sah beim 3:3 «viel Positives» - vor allem einen «überragend guten» Kroos. Gegen Erzrivale Holland fordert Bierhoff: «Zeichen setzen!»

Einmal Harakiri reicht, im Prestigeduell gegen die Niederlande macht Joachim Löw wieder ernst. «Es gibt sicher keine Dreierkette gegen Holland», beruhigte der Bundestrainer sofort nach dem turbulenten 3:3 (1:3) in Kiew gegen die Ukraine, bei dem er mit dem gewagten Experiment seine Spieler nicht nur überrascht, sondern auch überfordert hatte. Beim Jahresabschluss am Dienstag in Hamburg möchte Löw in seinem 75. Länderspiel als Chefcoach zwar weiter für die EM 2012 tüfteln, aber mit bewährten Kräften wie Manuel Neuer, Per Mertesacker und Miroslav Klose wieder auf den in der Qualifikation so erfolgreichen Normalmodus umschalten.

«Das letzte Spiel im Jahr will man gewinnen - und gegen die Holländer macht es doppelte Freude. Es ist ein sehr ernsthaftes Spiel. Man hofft natürlich, damit Zeichen zu setzen», erklärte Teammanager Oliver Bierhoff. Experimentiert wird nur noch auf Sparflamme. «Mit Sicherheit wird es nicht so ein Testspiel sein, wo man Dinge probiert, wie gegen die Ukraine», bestätigte Bierhoff.

Zurück zu Bewährtem: «Das Grundsystem ist gefestigt und für die Mannschaft mit der größten Sicherheit behaftet», sagte auch Löw, der aber bis zum Turnierstart am 8. Juni 2012 «immer mal eine Variante bringen möchte». Gegen den WM-Zweiten Holland könnte das Modell mit der Doppelspitze Klose/Gomez erstmals seit 2009 eine Neuauflage erleben. «Sicher sind ein oder zwei Spitzen möglich», sagte Bierhoff.

Der Zwei-Stürmer-Test sollte eigentlich in Kiew stattfinden, aber da fehlte Klose wegen seiner Knieprobleme. Am Sonntag trainierte der Torjäger zwar, vermied jedoch Pässe und Schüsse mit dem lädierten linken Bein. Man sei trotzdem «guter Dinge», berichtete Bierhoff. Auch der Gladbacher Marco Reus zählt nach einem Magen-Darm-Infekt wieder zum Aufgebot. Abreisen musste dagegen der Dortmunder Abwehrspieler Marcel Schmelzer wegen einer Wadenzerrung.

Ohne Klose war bei Löw in der Ukraine quasi über Nacht «die Idee gereift, hinten einmal auf eine Dreierkette umzustellen. Eine gute Mannschaft kann auch mal umstellen, ohne dass es dann im Ernstfall viele Probleme gibt», erklärte der 51-Jährige. «Viel Positives» nahm Löw mit vom turbulenten Probelauf im EM-Endspielstadion 2012, auch wenn sein 3-4-2-1-System um ein Haar krachend gescheitert wäre.

Mit einer Dreierkette hatte das Nationalteam zuletzt 2002 unter Rudi Völler agiert - als Fehlschlag wollte Löw die Neuauflage nicht bewerten. «Ich war sehr zufrieden, absolut, auch wenn ich jetzt vielleicht einer der wenigen bin.»

Die Gegentore von Andrej Jarmolenko (28. Minute) und Sergej Konopljanka (36.) seien aus Kontern nach eigenen Ecken entstanden. Treffer Nummer drei war ein Sonntagsschuss von Sergej Nasarenko (45.). «Ob Hummels, Boateng oder Badstuber, die haben das in vielen Situationen gut gemacht. Die Probleme haben wir nicht in der Dreierkette gehabt», beharrte Löw.

Seine Spieler waren weniger begeistert - ohne Vorwarnung und Probe hatte der Bundestrainer seine im Schnitt 22,72 Jahre junge Startelf ins kalte Wasser geworfen. «Wir haben erst in der Mannschaftssitzung davon erfahren», verriet Mats Hummels. «Wenn man's beherrscht, kann man es problemlos spielen», haderte Holger Badstuber. Bayern-Kollege Thomas Müller brachte den Spontanversuch auf den Punkt: «Das war ein bisschen auf gut Glück.» Mit seinem 3:3 verhinderte Müller (77.) die erste Auswärtsniederlage seit fünfeinhalb Jahren (1:4 in Italien). Toni Kroos (38.) und Simon Rolfes (65.) hatten zuvor getroffen.

Löw wollte den «Ernstfall vor dem Ernstfall proben». Gegen den Erzrivalen Niederlande geht es aber nun darum, in einer europaweit beachteten Kraftprobe Stärke für 2012 zu demonstrieren. «Gegen Holland gibt es ein volles Haus. Da werden wir wieder unser gewohntes System spielen», kündigte Lukas Podolski an. Die Spieler wollen Muskeln zeigen. «Das wird ein Kräftemessen auf ganz hohem Niveau», glaubt Ausnahmetalent Mario Götze.

Der Dortmunder konnte beim ersten gemeinsamen Startelf-Einsatz mit Mesut Özil in der Ukraine kaum Akzente setzen, das Duo agierte meist wie zwei Solisten. Für Kreativität sorgte der hinter ihnen agierende Münchner Kroos. «Toni war überragend gut. Bei ihm sind viele Fäden zusammengelaufen», lobte Löw den 21-Jährigen. Und in der «Bild am Sonntag» verkündete der Bundestrainer mit Blickrichtung EM, dass er «das System nicht für Mesut und Mario umkrempeln» werde.

Einen bizarren Abend in Kiew hatte auch Länderspieldebütant Ron-Robert Zieler erlebt. «3:3 ist nicht das Wunschergebnis des Torwarts», stöhnte der 22 Jahre alte Hannoveraner, für den die ersten 45 Minuten ein Alptraum waren. Erstmals seit dem 1:4 in Italien am 1. März 2006 hatte das DFB-Team drei Treffer in einer Hälfte kassiert. «Kopf hoch, Brust raus - es geht weiter», munterte Torwarttrainer Andreas Köpke in der Kabine seinen Schützling auf. «Nach der Pause hat er zwei Tore verhindert. Von daher war das Debüt absolut zufriedenstellend», lobte Löw den 50. Neuling seiner Amtszeit.

Die voraussichtliche Aufstellung: Neuer - Höwedes, Mertesacker, Badstuber, Aogo - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Podolski - Klose