Berlin (dpa) - Angesichts immer neuer Enthüllungen über die Neonazi-Mordserie hat der Innenausschuss des Bundestags Beratungen aufgenommen. Die Spitzen der Ermittlungsbehörden sowie Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) wollen die Parlamentarier über den Stand der Ermittlungen unterrichten.

Der Innenausschuss-Vorsitzende Wolfgang Bosbach (CDU) sagte unmittelbar vor der Sitzung: «Wir wollen jetzt wissen: Was ist schiefgelaufen? Vor allem wollen wir die Frage beantwortet haben: Bestand die Möglichkeit, das mörderische Treiben des Trios von Anfang an zu stoppen, also die Terrorzelle zu erkennen?»

Friedrich kündigte an: «Zur Sitzung des Innenausschusses werden wir heute berichten, wie der aktuelle Stand der Ermittlungen ist.» Es werde auch darum gehen, inwieweit aus strukturellen Mängeln in den verschiedenen Bereichen und Sicherheitsdiensten Schlussfolgerungen gezogen werden müssten. Dabei gehe es auch um einen Katalog gesetzlicher und anderer Neuregelungen. «Ich werde dazu auch im Laufe der Woche Vorschläge machen», sagte er. «Wir müssen dann ohne Zögern zu einer Änderung oder zu einer Verbesserung der Strukturen kommen, von denen wir heute schon sagen können, da gibt es Defizite und Mängel.»

Friedrich bekräftigte, dass ein Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus eingerichtet werden solle, in dem Polizei und Verfassungsschutz ihre Erkenntnisse zusammenführen. Er sprach sich erneut für eine Zentraldatei und eine bessere Kooperation der Verfassungsschutzämter aus.

Ausschussmitglied Ulla Jelpke (Linke) sagte, sie erwarte Klartext von den Verfassungsschutzämtern. Deren Arbeit bewertete sie als «saumäßig». «Wir wissen ja, dass die V-Leute im Grunde genommen staatlich bezahlte Nazis sind.» Es sei das Mindeste, die V-Leute abzuschalten. Gisela Piltz von der FDP forderte «eine neue Organisation von Sicherheitsarchitektur».

Anzeichen für ein Versagen der Bundesbehörden in der Neonazi-Mordserie sieht Bosbach nicht. Es gebe derzeit keinen Grund zur Annahme, dass es beim Bundeskriminalamt (BKA) oder dem Verfassungsschutz gravierende Fehler oder gar ein Systemversagen gegeben habe, sagte Bosbach in der ARD. Fritz Rudolf Körper (SPD), Mitglied im Geheimdienst-Kontrollgremium, forderte im Deutschlandfunk, dass der Verfassungsschutz auf Länderebene mit dem Verfassungsschutz auf Bundesebene komplett zusammengelegt wird - «dass nicht (...) der Verfassungsschutz X sagt, Y haben wir vergessen zu informieren».

Zur Aufklärung der offenen Fragen erwägen Union und SPD der «Mitteldeutschen Zeitung» zufolge, im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags einen Sonderermittler einzusetzen. Laut «FAZ» will die FDP-Fraktion einen solchen Berichterstatter diese Woche beantragen. Bosbach lehnt einen Sondermittler momentan ab.

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth kritisierte, dass die Strafverfolgungsbehörden bei Gewaltverbrechen zu selten nach einer möglichen Neonazi-Gesinnung der Täter fragen. «In der Vergangenheit wurden die möglicherweise rechtsextremen Motivationen von Tätern viel zu oft nicht mitgedacht», sagte Roth der «Welt» (Montag).

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sieht in der geplanten Trauerfeier für die Opfer der Neonazi-Mordserie ein richtiges Signal. Die Zeremonie könne einige religiöse Elemente enthalten, etwa eine Koran-Rezitation, sagte er den Zeitungen der «WAZ»-Gruppe (Montag).

In Dresden sollte Sachsens Landesverfassungsschutz der Parlamentarischen Kontrollkommission des Landtags Rede und Antwort stehen. Deren Vorsitzender Günther Schneider (CDU) hatte die Frage aufgeworfen, warum die Neonazi-Gruppierung «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) jahrelang von Zwickau aus «unbehelligt und scheinbar unbeobachtet» agieren konnte.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel brachte in der ARD erneut einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestags ins Spiel. Der rheinland-pfälzische Regierungschef Kurt Beck (SPD) schlug eine Art Enquete-Kommission mit Vertretern von Bund und Ländern zur Aufklärung des Rechtsterrorismus vor. «Dies könnte ein Ansatzpunkt sein, statt über Kompetenzen zu streiten», sagte er der dpa.

Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz befürchtet, dass die Neonazi-Gruppe weitere Straftaten begangen hat. «Da wird noch sehr viel Schmerzliches ans Tageslicht kommen», sagte er der «Passauer Neuen Presse». Verfassungsschützer in Thüringen gehen nach Informationen von «Spiegel» und «Focus» mittlerweile von etwa 20 Unterstützern aus, die dem aus Jena stammenden Trio im Untergrund halfen.

Bericht Anschlagsplanung Jena 1997

Interview Bosbach

Sitzung Innenausschuss

Verfassungsschutzbericht 2010

Zahlen und Fakten zum Rechtsextremismus

Lage in Thüringen/Verfassungsschutz