Frankfurt/Main (dpa) - Babak Rafati ist auf dem Weg der Besserung, muss sich aber nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus in stationäre Behandlung begeben. Ist der Druck auf die Schiedsrichter unmenschlich?

Spitzenfunktionäre wie Karl-Heinz Rummenigge und Reinhard Rauball fordern einen neuen Umgang mit den Referees im deutschen Fußball. «Man muss ständig über dieses Thema reden. Ich werbe sehr dafür, dass man seine Einstellung überdenkt», erklärte Liga-Präsident Rauball.

VfB-Coach Bruno Labbadia hat dies bereits getan. «Natürlich ist man ein Stück verärgert, wenn Fehlentscheidungen fallen, wie das auch heute das eine oder andere Mal der Fall war. Aber man versucht dann, bewusster aufzupassen, dass man es nicht übertreibt», erklärte Labbadia nach dem 2:1-Sieg der Stuttgarter gegen den FC Augsburg.

Rafati konnte nach seinem Suizidversuch schon am Montag das Kölner Krankenhaus verlassen, wird sich aber einer weiteren stationären Behandlung unterziehen. «Der Grund dafür sei nach Mitteilung seines Anwalts ein bei ihm diagnostiziertes Krankheitsbild, das diesen Schritt erforderlich erscheinen lasse. Wie lange diese Behandlung andauern wird, sei derzeit noch nicht absehbar», teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit. Rafati soll inzwischen in seine Heimatstadt Hannover zurückgekehrt sein.

Der DFB stehe über einen Anwalt «in engem und regelmäßigem Kontakt» mit dem 41-Jährigen. «Babak Rafati ließ über seinen Anwalt den ausdrücklichen Wunsch übermitteln, in enger Abstimmung mit dem DFB die Vorgänge ganz in Ruhe aufarbeiten zu wollen. Dafür benötige er jetzt vor allem Zeit und Geduld», hieß es in der DFB-Mitteilung.

Für Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sind auch die Zwänge durch den Weltverband FIFA, umstrittene Regeln und nicht akzeptierte visuelle Hilfsmittel mitverantwortlich für die schwierige Situation der Unparteiischen. «Die FIFA lässt die Schiedsrichter im Regen stehen. Zum Beispiel beim passiven Abseits oder bei der Torkamera - sie tut nichts, um die Schiedsrichter zu unterstützen», sagte Rummenigge der Tageszeitung «Die Welt».

Rauball wünscht sich eine schnelle Rückkehr Rafatis auf die Bundesliga-Bühne: «Wir hoffen, dass es ihm bald bessergeht, und dass er eines nahen Tages wieder als Schiedsrichter auf dem Spielfeld zu sehen ist.» Der Deutsch-Iraner Rafati hatte am Samstag wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen FSV Mainz 05 versucht, sich in einem Kölner Hotel das Leben zu nehmen. Daraufhin wurde die Partie abgesagt. Sie findet nun am 13. Dezember (20.30 Uhr) statt.

Es werde Rafati gut tun, wenn die Spekulationen über die Gründe des Suizidversuchs in Grenzen bleiben, betonte Rauball: «Das wird dazu beitragen, dass er schnell gesunden könnte.» Für Georg Fiedler, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, stellt die Frage: «Ob uns das überhaupt etwas angeht?»

Fiedler kritisierte, dass Theo Zwanziger Details zu dem Suizidversuch genannt hatte. «Ich würde Sie bitten, mir Einzelheiten zu ersparen. Richtig ist, dass er in der Badewanne lag und natürlich auch viel Blut zu sehen war», hatte der DFB-Präsident bei seiner Pressekonferenz am Samstag erklärt. «Ich glaube, man muss nicht sagen, wie es jemand gemacht hat», sagte Fiedler. Es gebe zwar keine konkrete Untersuchungen, aber es bestehe die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstätern in solchen Fällen.

Ungeachtet der Beweggründe Rafatis bat Rauball alle Zuschauer zu überdenken, ob gewisse Reaktionen gegenüber Unparteiischen erforderlich sind oder nicht. «Manchmal ist man ungerecht gegenüber Schiedsrichtern. Wenn man sich nachher die Zeitlupe anschaut, ist man erstaunt darüber, wie häufig der Schiedsrichter recht hat.» Zumal der Fußball in der Bundesliga in den vergangenen Jahren an Tempo ordentlich zugelegt hat und der Medien-Hype - auch um die Spielleiter - noch größer geworden ist.

Niedersachsens Referee-Chef Wolfgang Mierswa verlangt ebenfalls mehr Unterstützung für die Spielleiter. Künftig sei es umso mehr Aufgabe der DFB-Schiedsrichter-Kommission und der Verbandsausschüsse, «dafür zu sorgen, dass unsere Schiedsrichter von uns gestärkt werden, wenn sie von der Öffentlichkeit respektlos behandelt werden». Dies sagte der Vorsitzende des niedersächsischen Verbands-Schiedsrichterausschusses der «Frankfurter Rundschau».

«Ich hoffe, dass diesmal nicht, wie bald nach dem Tod von Robert Enke, wieder zur Tagesordnung übergegangen wird», sagte Mierswa. Er kenne Rafati seit fast 30 Jahren. «Das war ein Alarmzeichen sondergleichen, das da gesetzt wurde.»

Für den Vertrauensmanns der Schiedsrichter im DFB hingegen ist der öffentliche Druck kein entscheidendes Problem der Spitzenreferees. «Es gab bisher noch niemanden, der sich über den Druck oder den Stress beklagt hat», sagte der Heidenheimer Rainer Domberg am Montag der Nachrichtenagentur dpa. «Es gibt nicht so viele Probleme bei Schiedsrichtern, wie es im Moment nach außen den Anschein hat.»

Labbadia forderte ebenfalls, dass sich die Akteure in der Bundesliga «Gedanken machen müssen, ob wir in allen Dingen richtig handeln». Zum Beispiel, ob man jedes Jahr entscheiden muss, wer der schlechteste Schiedsrichter ist. Das Fachmagazin «kicker» macht seit 1999 zweimal im Jahr eine Umfrage unter den Profis, seit 2006 fragt das Blatt auch nach dem schwächsten Schiedsrichter.

Zuletzt beteiligten sich 298 Spieler daran. «Wir machen die Umfrage auf jeden Fall weiter, aber wir werden darüber diskutieren, ob wir die Frage nach dem schwächsten Schiedsrichter in Zukunft drin lassen», sagte Chefredakteur Klaus Smentek.