Berlin (dpa) - Unter den Wikipedia-Mitarbeitern sind Frauen in der Minderheit. Sue Gardner will das ändern - und so für mehr Vielfalt in dem Online-Lexikon sorgen, das jeder Internetnutzer bearbeiten kann.

Hoffnung setzt die Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in ein benutzerfreundlicheres Bearbeitungsprogramm, das bald starten soll, wie sie im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur berichtet.

Neun von zehn freiwilligen Wikipedia-Mitarbeitern sind männlich. Warum ist das ein Problem?

Sue Gardner: «Uns ist es wichtig, die Zahl der weiblichen Mitarbeiter zu steigern. Der Grund dafür ist die Qualität: Wikipedia strebt danach, die Summe allen menschlichen Wissens zu sammeln. Und das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht. Frauen repräsentieren 51 Prozent der Bevölkerung, sie haben verschiedenste Interessen und Erfahrungen und Hintergründe. Mehr Frauen zu gewinnen, ist für mich keine Frage von Ethik oder politischer Korrektheit. Es geht darum, die Qualität von Wikipedia zu sichern.»

Können Sie ein Beispiel geben?

Gardner: «Ich bin ein großer Fan der preisgekrönten britischen Autorin Pat Barker (die häufig aus der Perspektive von Frauen schreibt, d. Red.). In der englischen Wikipedia war nur ein sehr kurzer Text über sie - sie verdient einen vollständigeren Artikel als das. Ich habe selber ein paar Absätze hinzugefügt. Ich glaube, auch das Thema Design ist nicht gut abgedeckt.»

Was sind die Gründe für diese Geschlechterkluft?

«Ein Grund: Als Wikipedia 2001 an den Start ging, waren die meisten Internetnutzer Männer. Die Leute, die damals bei Wikipedia mitmachten, waren sehr geekig und interessierten sich vor allem für Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswissenschaft und Mathematik. Über die Jahre hat sich das nicht so stark verändert. Das hat mit der Technik zu tun: Damit man Wikipedia-Artikel bearbeiten kann, muss man die Wiki-Syntax lernen.»

Auch der Umgangston in der Wikipedia hat keinen guten Ruf...

«Ich vermeide Verallgemeinerungen, aber Frauen bevorzugen eine harmonische Umgebung, in der alle freundlich, warm und offenherzig sind. Die Wikipedia-Community ist anders, die Mitarbeiter mögen wirklich Kontroversen und Debatten.»

Wie wollen Sie mehr Frauen anlocken?

Gardner: «Wir legen kein besonderes Programm fest. Das wäre absurd: Wie erreicht man die Hälfte der Bevölkerung? Wir versuchen, unsere gesamte Reichweite zu erhöhen und dabei mehr Frauen zu erreichen als derzeit. Wir haben beispielsweise ein Schulprogramm. Und wir haben Campus-Botschafter, die Studenten zeigen, wie man Wikipedia bearbeitet - die Hälfte Frauen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Männer sich auch ohne besondere Einladung engagieren. Frauen tendieren dazu, dass sie eingeladen werden wollen. Wir versuchen daher eine Umgebung zu schaffen, in der wir die Nutzer um Hilfe bitten und sie bestärken, wenn sie etwas tun.»

Eine Hürde ist die komplizierte Wikipedia-Syntax, in der die Artikel geschrieben sind. Wann kommt endlich der visuelle Editor, mit dem Nutzer genau sehen, was sie schreiben?

Gardner: «Ein Prototyp ist hoffentlich bis Ende Dezember fertig. Aber es ist für uns schwierig, einen genauen Zeitplan festzulegen. Neue Software-Funktionen müssen in Zusammenarbeit mit der Community entwickelt werden, wir brauchen einen Konsens - das macht die Entwicklung sehr, sehr langsam. Außerdem führen wir neue Features meist nicht in allen Sprachversionen gleichzeitig ein, sondern erst in einer und schauen, ob es Probleme gibt.»

Der Apple-Gründer Steve Jobs sagte einmal: «Real artists ship» - auch große Künstler müssen irgendwann mal fertig werden und ein Produkt ausliefern...

Gardner: «Apple ist großartig in dem, was es tut. In mancherlei Hinsicht sind wir allerdings das Gegenteil von Apple: Bei uns entscheidet nicht ein Mann mit einer fesselnden Vision, sondern eine große Community. Und die Firma legt im Gegensatz zu uns großen Wert auf Geheimnisse, weil es für sie ein Wettbewerbsvorteil ist.»

Für Streit sorgt derzeit der Plan der Wikimedia-Stiftung, einen Bildfilter einzuführen, der kontroverse Abbildungen ausfiltert.

Gardner: «Es gibt viele Missverständnisse um den Filter. Wir wollten den Nutzern die Wahl geben, ob sie bestimmte Bilder sehen wollen oder nicht. Wikipedia ist ein riesigen Projekt mit einer riesigen Leserschaft, in der es verschiedene Empfindlichkeiten gibt. Das können Bilder mit Gewalt oder sexuellen Inhalten sein. Es gab in einem Referendum unter den Nutzern zwar eine Mehrheit für den Filter, aber auch substanziellen Widerspruch.»

Wie geht es weiter?

Gardner: «Einige Dinge sind vom Tisch. Die deutsche Community lehnt den Filter besonders vehement ab - wir werden ihr nichts aufzwingen, was sie nicht will. Wir werden weiter reden und bis Januar nichts entscheiden.»

Gibt es einen generellen Konflikt zwischen der Stiftung und den freiwilligen Wikipedia-Mitarbeitern?

Gardner: «Wir haben unterschiedliche Rollen. Die Autoren schreiben großartige Artikel. Unsere Aufgabe in der Wikimedia-Stiftung ist es, allgemeine Trends zu erkennen. Ich bewerte, wo wir stehen, stelle Statistiken und Studien zur Verfügung, etwa zur Geschlechterkluft. Meine Aufgabe ist es dann, einen Konsens darüber herzustellen, was getan werden muss - meine Hoffnung ist, dass es gelingt, wenn man lange genug darüber redet.»

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