Kairo (dpa) - Ägyptens Opposition macht Druck auf die Militärregierung: Tausende Demonstranten haben beim «Marsch der Millionen» auf dem Kairoer Tahrir-Platz den Rückzug der Machthaber gefordert.

Anhänger von Linken, Liberalen, Islamisten sowie der Jugendbewegung verlangten bei der Großdemonstration am Dienstag, dass Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi die Macht an eine zivile Regierung übergibt.

Am Rande gab es immer wieder blutige Zusammenstöße mit der Polizei. Die Zahl der Toten stieg weiter. Nach Angaben von Medizinern und Juristen kamen bei den jüngsten Auseinandersetzungen bisher mindestens 35 Menschen rund um den Tahrir-Platz ums Leben. Behörden meldeten hingegen, dass seit Samstag 28 Personen in der Hauptstadt getötet wurden.

Erneut wurden zahlreiche Menschen festgenommen - offenbar auch drei US-Bürger. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wird ihnen vorgeworfen, das Innenministerium mit Brandbomben angegriffen zu haben. Sie seien zusammen mit ägyptischen Aktivisten aufgegriffen worden. Die Gruppe habe rund 30 Molotowcocktails bei sich gehabt, hieß es. Das Ministerium wurde mit Stacheldraht abgesichert.

Auch in der Hafenstadt Alexandria ging zahlreiche Aktivisten auf die Straße. In Ismailia im Norden des Landes kamen nach Angaben staatlicher Medien in der Nacht zum Dienstag mindestens drei Menschen bei Protesten ums Leben.

Amnesty International machte dem Militärrat schwere Vorwürfe. Die Tradition der Unterdrückung aus der Mubarak-Ära werde fortgesetzt, resümierten die Menschenrechtler in einem Bericht. Friedliche Proteste würden regelmäßig gewaltsam aufgelöst. In den vergangenen Monaten sei mehr als 12 000 Zivilisten vor Militärgerichten ein unfairer Prozess gemacht worden. Folter gehöre ebenfalls zu den Methoden der Generäle.

Auch ägyptische Diplomaten verurteilten die Gewalt gegen Demonstranten. In einer Erklärung kritisierten rund 245 Mitarbeiter des Außenministeriums, sie seien nun Zeugen eines Angriffs «auf die Würde der Menschen».

38 Oppositionsgruppen hatten zu dem «Millionen-Marsch» am Dienstag aufgerufen. Zahlreiche Demonstranten waren schon am Morgen auf dem Tahrir-Platz, sie hatten dort übernachtet. Die Aktivisten wollen den zentralen Platz auch weiterhin besetzt halten. Sie fürchten, dass die Generäle dauerhaft an ihrer Macht festhalten werden, wenn die Proteste wieder abflauen.

Die einflussreiche Muslimbruderschaft nahm nicht an der Kundgebung teil. Die Islamisten rechnen sich bei den am Montag beginnenden Parlamentswahlen gute Chancen aus. Doch wegen der Proteste wird immer wieder über eine Verschiebung des Urnengangs spekuliert. Gewählt wird in drei Phasen, daher zieht sich der Prozess bis zum Januar hin. Anschließend soll das Land eine neue Verfassung bekommen.

Die Übergangsregierung von Ministerpräsident Essam Scharaf hatte am Montagabend ihren Rücktritt eingereicht, der Militärrat ließ mit einer Entscheidung darüber auf sich warten. Die Generäle riefen aber die politischen Parteien auf, gemeinsam über den Umgang mit der Krise zu beraten. Die Muslimbruderschaft sagte ihre Teilnahme an den Gesprächen zu. Der Militärrat hat nach dem Sturz des langjährigen Präsidenten Husni Mubarak im Februar dieses Jahres die Macht übernommen. Der Tahrir-Platz war damals zum Symbol des Arabischen Frühlings geworden.