Paris (dpa) - Bei den Protesten in Kairo ist es nach Berichten von Journalistinnen zu massiven sexuellen Übergriffen gekommen. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen sprach am Freitag von mindestens drei Fällen und verurteilte die Gewalt scharf.

«Ich dachte, ich würde sterben», zitierte die Zeitung «Le Figaro» die französische Reporterin Caroline Sinz. Sinz wurde nach eigenen Angaben am Rande des Tahrir-Platzes in Kairo von einer Horde Jugendlicher überfallen und sexuell bedrängt. Ähnliche Erfahrungen soll eine Bloggerin gemacht haben. Die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona al-Tahawy wurde nach eigenen Angaben in Kairo von der Polizei geschlagen, festgenommen und sexuell misshandelt.

In einer Erklärung forderte Reporter ohne Grenzen: «Alle politischen Parteien, die Militärbehörden, religiöse Autoritäten sowie gesellschaftliche und zivile Gruppen müssen deutlich machen, dass diese Gewalt inakzeptabel ist.»

Die Journalistin Sinz vom französischen TV-Sender France 3 berichtete, ihr seien bei dem Übergriff vom Vortag die Kleider vom Leib gerissen worden. Die unsittlichen Berührungen entsprächen dem Straftatbestand einer Vergewaltigung, zitierte sie die Zeitung «Le Figaro» (Freitag).

«Einige Menschen haben vergeblich versucht, mir zu helfen. Ich wurde regelrecht gelyncht, es dauerte etwa eine Dreiviertelstunde bis man mich befreit hat», zitierte sie das Blatt. Dem TV-Sender BFM sagte Sinz: «Ich glaube, das waren besessene Gauner, Jugendliche von vielleicht 14 oder 15 Jahren.» Ihr Kameramann sei von den Jugendlichen geschlagen worden.

Die Publizistin Al-Tahawy berichtete nach ihrer Freilassung am Freitag über den Kurzmitteilungsdienst Twitter und in Interviews verschiedener TV-Sender von ihren Erlebnissen im Gebäude des Innenministeriums. Demnach wurde sie von Angehörigen der Ordnungspolizei festgenommen, als sie Mittwochnacht Straßenschlachten zwischen der Polizei und Demonstranten in der Nähe des Tahrir-Platzes fotografierte. Anschließend habe man ihr die Augen verbunden und sie begrapscht. «Ich konnte irgendwann nicht mehr mitzählen, wie viele Hände versuchten, in meine Hose zu gelangen», schrieb Al-Tahawy.

Eine Röntgenaufnahme zeige, dass ihr linker Arm und ihre rechte Hand als Folge der Schläge gebrochen seien, schrieb sie weiter. «Gott weiß, was passiert wäre, wenn ich keine doppelte Staatsbürgerschaft gehabt hätte.» Ein Angehöriger der Militärpolizei habe sich später, nachdem er ihre Identität festgestellt habe, für das Verhalten der Polizei entschuldigt.

Es war nicht das erste Mal, dass eine Frau während der Demonstrationen gegen das Militär Opfer sexueller Übergriffe von Polizeibeamten wurde. Journalistinnen berichteten in den vergangenen Tagen zudem von sexueller Belästigung durch Zivilisten auf dem Tahrir-Platz.

Arabische Nachrichtenwebsites veröffentlichten am Freitag ein Video, auf dem zu sehen ist, wie eine junge Frau in Jeans und Sweatshirt von jungen Männern auf dem Tahrir-Platz betatscht und geschlagen wird. Ein etwas älterer Mann mit Bart bringt sie schließlich in Sicherheit. Angeblich soll es sich bei der Frau um die von vielen Ägyptern angefeindete Studentin Alia al-Mahdi handeln. Dies ließ sich jedoch nicht überprüfen.

Die 20 Jahre alte Ägypterin, die sich selbst als «Revolutionärin» bezeichnet, hatte Mitte dieses Monats den Zorn vieler Jungrevolutionäre auf sich gezogen, nachdem sie in ihrem Blog Fotos veröffentlicht hatte, auf denen sie nackt zu sehen ist. Die Studentin bezeichnete die Veröffentlichung der Bilder als Kunstaktion. Die Bewegungen der Revolutionsjugend erklärten unisono, Al-Mahdi gehöre nicht zu ihnen.

Dominique Gerbauf von Reporter ohne Grenzen sprach im BFM-TV mit Blick auf ähnliche Vorfälle von einer angespannten Situation, in der weibliche Berichterstatter besonders gefährdet seien. Sie sollten daher besonders umsichtig sein und möglichst auf Begleitung bestehen.

«Das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen erinnert an die Gewalt in den Tagen der Revolution im Januar und Februar», heißt es in der Erklärung von Reporter ohne Grenzen. «Wir befürchten, dass Misshandlungen und Übergriffe gegen Reporter noch zunehmen werden.»

In der Mitteilung wird auch die sofortige Freilassung der ägyptisch-amerikanischen Dokumentarfilmerin Jehane Noujaim und ihres Kameramanns Magdi Aschur gefordert, die nach diesen Angaben am 23. November in der Nähe des Tahrir-Platzes festgenommen wurden.

Twitter

Webseite Tahawys

Artikel auf Französisch